Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
53
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Wir sind alle begehrlich nach fremdem Besitz. Einmalweil wir die Schwächen des eigenen Besitzes zu gutkennen und seine Vorzüge uns durch Gewöhnung reizlosgeworden sind, sodann weil der Andere seinen Besitz indas günstigste Licht gestellt hat. Wir scheinen verliebterin unseren Besitz, um ihn begehrenswerther erscheinenzu lassen. Beim Tausch glaubt jeder den Anderen über-vortheilt und selber den höheren Gewinn zu haben. DerTauschende hält sich für klug; die sehende Eitelkeit ver-mehrt im Menschen den Glauben an seine Klugheit. DerTauschende meint, er sei der Täuschende, aber der, mitwelchem er tauscht, glaubt von sich dasselbe. Wirschätzen das Beneidetwerden, weil die Anderen, welcheuns nicht beneiden, sondern einen Tausch anbieten können,durch die gesteigerte Begehrlichkeit der Neidischen zueiner höheren Taxation unserer Güter gedrängt werden.Das Gefühl der Macht, vererbt, erzeugt die blinde Eitel-keit (während jenes die sehende, nach dem Vortheile hinsehende war); die Macht discutirt und vergleicht nicht,sie hält sich für die höchste Macht, sie macht die höchstenAnsprüche; bieten andere ihre Begabungen und Kräftemit demselben Ansprüche an, so bleibt jetzt nur derKrieg übrig: durch einen Wettkampf wird über das Rechtdieser Ansprüche entschieden oder durch Vernichtungdes einen Mitbewerbers, mindestens seiner hervorragen-den Fähigkeit. Eifersucht ist der gereizte Zustand desMächtigen im Verhältnis zum mächtigen Mitbewerber;Neid, der hoffnungslose Zustand, ihm nicht zuvorkommenzu können: also wenn er im Kriege unterliegt. DerNeid bei sehender Eitelkeit entsteht aus ungestillter Be-gehrlichkeit; der Neid bei blinder Eitelkeit ist die Folgeeiner Niederlage.