Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
320
Einzelbild herunterladen
 

3 2 °

Ich erinnre mich, antwortete der gescholteneSchüler;Sie pflegten zu sagen, es würde kein Menschnach Bildung streben, wenn er wüsste, wie unglaublichklein die Zahl der wirklich Gebildeten zuletzt ist undüberhaupt sein kann. Und trotzdem sei auch diese kleineAnzahl von wahrhaft Gebildeten nicht einmal möglich,wenn nicht eine grosse Masse, im Grunde gegen ihreNatur, und nur durch eine verlockende Täuschung be-stimmt, sich mit der Bildung einliesse. Man dürfe des-halb von jener lächerlichen Improportionalität zwischender Zahl der wahrhaft Gebildeten und dem ungeheuergrossen Bildungsapparat nichts öffentlich verrathen; hierstecke das eigentliche Bildungsgeheimniss: dass nämlichzahllose Menschen sc heinbar für sich, im Grunde nur, umeinige wenige Menschen möglich zu machen, nach Bildungringen, für die Bildung arbeiten.

Dies ist der Satz, sagte der Philosophund dochkonntest du so seinen wahren Sinn vergessen, um zuglauben, selber einer jener wenigen zu sein? Daranhast du gedacht ich merke es wohl. Das aber gehörtzu der nichtswürdigen Signatur unsrer gebildeten Gegen-wart. Man demokratisirt die Rechte des Genius, um dereignen Bildung sarbeit und Bildungsnoth enthoben zusein. Es will sich ein jeder womöglich im Schatten desBaumes niederlassen, den der Genius gepflanzt hat. Manmöchte sich jener schweren Nothwendigkeit entziehn, fürden Genius arbeiten zu müssen, um seine Erzeugung mög-lich zu machen. Wie? Du bist zu stolz, ein Lehrer seinzu wollen? Du verachtest die sich heran drängende Mengeder Lernenden? Du sprichst mit Geringschätzung überdie Aufgabe des Lehrers? Und möchtest dann, in einerfeindseligen Abgrenzung von jener Menge, ein einsamesLeben führen, mich und meine Lebensweise copirend?