238
Der tragische Chor sieht den Mythus wie der Rhap-sode das Epos. Aber der Rhapsode erzählt ihn. Undzuerst erzählte der Chor auch die Tragödie. Wiesich Stesichorus zu Homer verhält — so jener tragischeChor zu den Rhapsoden.
<#>
Warum ist die Wirkung des Sänger-Schau-spielers, des musikalischen Dramatikers, so ungeheuer?Der Ton wird sofort als Affectsprache verstanden.Die rein musikalische Wirkung ist sogleich depoten-zirt zu einer Affectwirkung. Darin liegt — gegen-über dem absoluten Sänger, der nur Instrument ist —jenes Idyllische. Die Kunst erscheint als Affect-wirkung.
168.
Sokrates und Euripides — zur Erklärung des roma-nischen Schauspiels. Dessen Grundirrthum: es sollein sokratisches Problem gelöst werden, ein Vernunftsatz,der jetzt die Poesie erzeugen soll. Hier wird der lyrischeDichter mit dem leidenschaftlichen Menschen verwechselt:an Stelle des musikalischen Untergrundes tritt der Affect.Ein Vernunftsatz wird durch Affecte erklärt. Oder: derAffect, durch einen Vernunftsatz niedergehalten, wird inAufregung dargestellt.
An die Stelle des musikalischen Untergrun-des ist der Affect getreten. An die Stelle der Bilder-ausführung der Vernunftsatz, der jetzt ein Beispiel desAffectes sucht.
Insofern ist der unmusikalische Zuhörer zum Dichtergeworden. Oder: der Zuhörer hat das Drama derRomanen bestimmt.