Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
139
Einzelbild herunterladen
 

reichen wäre. Uns hat die griechische Kunst gelehrt,dass es keine wahrhaft schöne Fläche ohne eine schreck-liche Tiefe giebt; wer indess nach jener Kunst der reinenFläche sucht, der sei ein für allemal auf die Gegenwartverwiesen als auf das wahre Paradies für solche Schatz-gräberei, während es ihm im fremdartigen Lichte desgriechischen Alterthums begegnen könnte, Diamanten alsWassertropfen zu missachten oder, was die grössere Ge-fahr ist, herrliche Kunstwerke aus Versehen und Un-geschick zu zertrümmern. Ich werde nämlich bei dergesteigerten Umwühlung des griechischen Bodens ängst-lich und .möchte jeden begabten oder unbegabten Men-schen, der eine gewisse berufsmässige Tendenz nach demAlterthume hin ahnen lässt, an die Hand nehmen undvor ihm in folgender Weise peroriren:Weisst du auch,was für Gefahren dir drohen, junger, mit einem massigenSchulwissen auf die Reise geschickter Mensch? Hast dugehört, dass es nach Aristoteles ein untragischer Tod ist,von einer Bildsäule erschlagen zu werden? Und geradedieser untragische Tod droht dir. Ach, ein schöner Tod,wirst du sagen, wenn es nur eine griechische Bildsäuleist! Oder verstehst du dies nicht einmal? So wisse denn,dass unsere Philologen seit Jahrhunderten versuchen, diein die Erde gesunkene umgefallene Statue des griechischenAlterthums wieder aufzurichten, bis jetzt immer mit un-zureichenden Kräften. Immer wieder, kaum vom Bodengehoben, fällt sie wieder zurück und zertrümmert dieMenschen unter ihr. Das möchte noch angehn; dennjedes Wesen muss an etwas zu Grunde gehn. Aber wersteht uns dafür, dass dabei die Statue selbst nicht inStücke zerbricht? Die Philologen gehen an den Griechenzu Grunde: das wäre etwa zu verschmerzen. Aber dasAlterthum bricht unter den Händen der Philologen in