Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
135
Einzelbild herunterladen
 

135

herum ein greiser Sklave, während das Thor völlig auf-gemacht wird und aus ihm Charmides tritt.

Charmides: Wo weilst du? Ich komme, dich inder Nachtwache abzulösen. Deine Stunde ist schonvorüber.

Leonidas: Wenn du noch müde bist, so schlaf weiter.Ich kann nicht mehr schlafen. Eine seltsame Nacht. Ichwar eben auf dem kleinen Hügel am Hause und sah nachdem Ätna hin. Dort gab es schreckliche Feuerzeichen, undzugleich zog eine qualmige fette Frühlingsluft durch dieNacht, der Wind schlich, als ob er sich fürchte und unterseiner Last zittere. Hier am Hause wars, als ob derWind die Bürde abwürfe und mit Stöhnen entflöhe.

Charmides: Nun Leonidas, ich bin jünger als duund kein Geisterseher. Mich lässts auch nicht schlafen,und im Grunde, glaub ich, schläft niemand im ganzenHause. Aber uns andere Gott verzeih mir diesuns quält schon der Tag und die Sehnsucht nach seinenFreuden, die schöner sind als der bunteste Traum: unddu weisst, was auch wir Sklaven heute von unsern mildenGebieterinnen zu erwarten haben. Ich zweifle nicht, dasssie uns heute freilassen werden; und wir dürfen wie jederFreigeborne die Tragödie anschauen und das Nachtfestmitfeiern.

Leonidas: Ach, dieser Freudentag ist für uns Greisenur ein Krampf, mit dem wir unsern Schmerz bezwingen.Ich bin als Knabe mit aus dem göttlichen Korinth über-gesiedelt: und mitunter träume ich noch, ich sei jenerKnabe und sähe uns zu Schiffe steigen und unterheissesten Thränen die Stadt segnen und unser Loosverwünschen. Du kannst nicht vergleichen: ich sage dir,obwohl ein Sklave, weiss ich doch, dass hier alles bar-barisirt wenn ich unsre Gebieterinnen ausnehme, die