I.
Aus dem Winter 1869/70.
1. Das griechische Musikdrama.
(Vortrag, gehalten am 18. Januar 1870.)
In unserem heutigen Theaterwesen sind nicht nurErinnerungen und Anklänge an die dramatischenKünste Griechenlands aufzufinden: nein, seine Grund-formen wurzeln auf hellenischem Boden, entweder innatürlichem Wachsthum oder in Folge einer künst-lichen Entlehnung. Nur die Namen haben sich viel-fach verändert und verschoben: ähnlich wie die mittel-alterliche Tonkunst die griechischen Tonleitern wirklichnoch besass, auch mit den griechischen Namen, nur dassz. B. das, was die Griechen „Lokrisch“ nannten, in denKirchentönen als „Dorisch“ bezeichnet wird. ÄhnlicheVerwirrungen begegnen uns auf dem Gebiet der dra-matischen Terminologie: das, was der Athener als
„Tragödie“ verstand, werden wir allenfalls unter denBegriff der „grossen Oper“ bringen: wenigstens hatdies Voltaire in einem Brief an den Cardinal Quirinigethan. Dagegen würde ein Hellene in unserer Tragödiefast nichts wiedererkennen, Was seiner Tragödie entspräche;wohl aber würde ihm beikommen, dass der ganze Auf-bau und der Grundcharakter der Tragödie Shakespeare’s
Nietzsche, Werke II.Abtheilung. Bd.IX.
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