Ungleichartigsten. Was bedeutete damals Homer? Offen-bar fühlte sich jenes Zeitalter ausser Stande, eine Per-sönlichkeit und die Grenzen ihrer Äusserungen wissen-schaftlich zu umspannen. Homer war hier fast zu einerleeren Hülse geworden. Hier tritt nun die wichtigeFrage an uns heran: was liegt vor dieser Periode? Istdie Persönlichkeit Homer’s, weil man sie nicht fassenkonnte, allmählich zu einem leeren Namen verdunstet?Oder hat man damals in naiver Volksweise die gesammteheroische Dichtung verkörpert und sich unter der FigurHomer’s veranschaulicht? Ist somit aus einer Personein Begriff oder aus einem Begriff einePerson gemacht worden? Dies ist die eigentliche„homerische Frage“, jenes centrale Persönlichkeitsproblem.
Die Schwierigkeit, auf dieselbe zu antworten, ver-mehrt sich aber, wenn man von einer andern Seite aus,nämlich vom Standpunkte der erhaltenen Gedichte aus,eine Antwort versucht. Wie es heutzutage schwer istund eine ernste Anstrengung erfordert, um die Paradoxiedes Gravitationsgesetzes sich deutlich zu machen, dassnämlich die Erde ihre Bewegungsform ändert, wenn einanderer Himmelskörper seine Lage im Raume wechselt,ohne dass zwischen beiden ein materielles Band besteht:so kostet es gegenwärtig Mühe, zum vollen Eindruckjenes wunderbaren Problems zu kommen, das aus Handin Hand wandernd sein ursprüngliches höchst auffälligesGepräge immer mehr verloren hat. Werke der Dichtung,mit denen zu wetteifern den grössten Genien der Muthentsinkt, in denen ewig unerreichte Musterbilder für alleKunstperioden gegeben sind: und doch der Dichter der-selben ein hohler Name, zerbrechlich, wo man ihn anfasst,nirgends der sichere Kern einer waltenden Persönlichkeit.„Denn wer wagte mit Göttern den Kampf, den Kampf