das Erstere auf einem ganz andern Bereiche liegen alsdie für das Zweite: man will sich nicht täuschen lassen,unter der Annahme, dass es schädlich, gefährlich, ver-hängnissvoll ist, getäuscht zu werden, — in diesem Sinnewäre Wissenschaft eine lange Klugheit, eine Vorsicht,eine Nützlichkeit, gegen die man aber billigerweise ein-wenden dürfte: wie? ist wirklich das Sich-nicht-täuschen-lassen - wollen weniger schädlich, weniger gefährlich,weniger verhängnissvoll ? Was wisst ihr von vornhereinvom Charakter des Daseins, um entscheiden zu können,ob der grössere Vortheil auf Seiten des Unbedingt-Misstrauischen oder des U nbedingt - Zutraulichen ist ?Falls aber Beides nöthig sein sollte, viel Zutrauen undviel Misstrauen: woher dürfte dann die Wissenschaftihren unbedingten Glauben, ihre Überzeugung nehmen,auf dem sie ruht, dass Wahrheit wichtiger sei als irgendein andres Ding, auch als jede andre Überzeugung?Eben diese Überzeugung könnte nicht entstanden sein,wenn Wahrheit und Unwahrheit sich beide fortwährendals nützlich bezeigten: wie es der Fall ist. Also — kannder Glaube an die Wissenschaft, der nun einmal unbe-streitbar da ist, nicht aus einem solchen Nützlichkeits-Calcul seinen Ursprung genommen haben, sondern viel-mehr trotzdem, dass ihm die Unnützlichkeit undGefährlichkeit des „Willens zur Wahrheit“, der „Wahr-heit um jeden Preis“ fortwährend bewiesen wird. „Umjeden Preis“: oh wir verstehen das gut genug, wenn wirerst einen Glauben nach dem andern auf diesem Altäredargebracht und abgeschlachtet haben! — Folglich be-deutet „Wille zur Wahrheit“ nicht „ich will mich nichttäuschen lassen“, sondern — es bleibt keine Wahl —„ich will nicht täuschen, auch mich selbst nicht“: —und hiermit sind wir auf dem Boden der Moral.
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