Druckschrift 
Die fröhliche Wissenschaft :
("la gaya scienza")
Entstehung
Seite
179
Einzelbild herunterladen
 

i79

kenntniss. Wo geherrscht wird, da giebt es Massen:wo Massen sind, da giebt es ein Bedürfniss nach Scla-verei. Wo es Sclaverei giebt, da sind der Individuennur wenige, und diese haben die Heerdeninstincte unddas Gewissen gegen sich.

150.

Zur Kritik der Heiligen. Muss man denn,um eine Tugend zu haben, sie gerade in ihrer brutalstenGestalt haben wollen? wie es die christlichen Heiligenwollten und nöthig hatten; als welche das Leben nurmit dem Gedanken ertrugen, dass beim Anblick ihrerTugend einen Jeden die Verachtung seiner selber an-wandele. Eine Tugend aber mit solcher Wirkung nenneich .brutal.

U 1 -

Vom Ursprünge der Religion. Das meta-physische Bedürfniss ist nicht der Ursprung der Reli-gionen, wie Schopenhauer will, sondern nur ein Nach-schössling derselben. Man hat sich unter derHerrschaft religiöser Gedanken an die Vorstellung eineranderen (hinteren, unteren, oberen) Welt gewöhntund fühlt bei der Vernichtung des religiösen Wahnseine unbehagliche Leere und Entbehrung, und nunwächst aus diesem Gefühle wieder eineandere Weltheraus, aber jetzt nur eine metaphysische und nichtmehr religiöse. Das aber, was in Urzeiten zur An-nahme eineranderen Welt überhaupt führte, warnicht ein Trieb und Bedürfniss, sondern ein Irr-t h u m in der Auslegung bestimmter Naturvorgänge,eine Verlegenheit des Intellects.

12