und die Ausgelassenheit ihrer Affecte aufs Höchste trieb,also den Rasenden toll, den Rachsüchtigen rachetrunkenmachte: — alle orgiastischen Culte wollen die ferociaeiner Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgiemachen, damit sie hinterher sich freier und ruhiger fühleund den Menschen in Ruhe lasse. Melos bedeutet, seinerWurzel nach, ein Besänftigungsmittel, nicht weil esselber sanft ist, sondern weil seine Nachwirkung sanftmacht. — Und nicht nur im Cultusliede, auch bei demweltlichen Liede der ältesten Zeiten ist die Voraussetzung,dass das Rhythmische eine magische Kraft übe, zumBeispiel beim Wasserschöpfen oder Rudern: das Lied isteine Bezauberung der hierbei thätig gedachten Dämonen,es macht sie willfährig, unfrei und zum Werkzeug desMenschen. Und so oft man handelt, hat man einen An-lass zu singen, jede Handlung ist an die Beihülfe vonGeistern geknüpft: Zauberlied und Besprechung scheinendie Urgestalt der Poesie zu sein. Wenn der Vers auchbeim Orakel verwendet wurde — die Griechen sagten,der Hexameter sei in Delphi erfunden —, so sollte derRhythmus auch hier einen Zwang ausüben. Sich pro-phezeien lassen — das bedeutet ursprünglich (nach dermir wahrscheinlichen Ableitung des griechischen Wortes):sich Etwas bestimmen lassen; man glaubt die Zukunfterzwingen zu können dadurch, dass man Apollo für sichgewinnt: er, der nach der ältesten Vorstellung viel mehrals ein vorhersehender Gott ist. So wie die Formelausgesprochen wird, buchstäblich und rhythmisch genau,so bindet sie die Zukunft: die Formel aber ist die Erfin-dung Apollo’s, welcher als Gott der Rhythmen auch dieGöttinnen des Schicksals binden kann. — Im Ganzengesehen und gefragt: gab es für die alte abergläubischeArt des Menschen überhaupt etwas Nützlicheres als
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