i6
trotzdem gefunden haben, an der Zunge kleben undwollen nicht heraus: weil sie grob klingen! Oder weilsie die Sittlichkeit zu verleumden scheinen! So zumBeispiel gleich der Hauptsatz: Sittlichkeit ist nichtsAnderes (also namentlich nicht mehr!), als Gehorsamgegen Sitten, welcher Art diese auch sein mögen; Sittenaber sind die herkömmliche Art zu handeln und ab-zuschätzen. In Dingen, wo kein Herkommen befiehlt,giebt es keine Sittlichkeit; und je weniger das Lebendurch Herkommen bestimmt ist, um so kleiner wird derKreis der Sittlichkeit. Der freie Mensch ist unsittlich,weil er in Allem von sich und nicht von einem Her-kommen abhängen will: in allen ursprünglichen Zu-ständen der Menschheit bedeutet „böse“ so viel wie„individuell“, „frei“, „willkürlich“, „ungewohnt“, „unvorher-gesehen“, „unberechenbar“. Immer nach dem Maassstabsolcher Zustände gemessen: wird eine Handlung gethan,nicht weil das Herkommen sie befiehlt, sondern ausanderen Motiven (zum Beispiel des individuellen Nutzenswegen), ja selbst aus eben den Motiven, welche das Her-kommen ehemals begründet haben, so heisst sie unsittlichund wird so selbst von ihrem Thäter empfunden: denn sieist nicht aus Gehorsam gegen das Herkommen gethanworden. Was ist das Herkommen? Eine höhere Autorität,welcher man gehorcht, nicht weil sie das uns Nützlichebefiehlt, sondern weil sie befiehlt. — Wodurch unter-scheidet sich diess Gefühl vor dem Herkommen vondem Gefühl der Furcht überhaupt? Es ist die Furchtvor einem höheren Intellect, der da befiehlt, vor einerunbegreiflichen, unbestimmten Macht, vor etwas mehrals Persönlichem, — es ist Aberglaube in dieser Furcht.— Ursprünglich gehörte die ganze Erziehung und Pflegeder Gesundheit, die Ehe, die Pleilkunst, der Feldbau,