Druckschrift 
4 : Abth. 1, Bd. 4 (1895) Morgenröthe
Entstehung
Seite
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Diese Vorrede kommt spät, aber nicht zu spät, was liegtim Grunde an fünf, sechs Jahren? Ein solches Buch, einsolches Problem hat keine Eile; überdies sind wir BeideFreunde des lento, ich ebensowohl als mein Buch. Manist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleichtnoch, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: endlich schreibt man auch langsam. Jetzt gehört esnicht nur zu meinen Gewohnheiten, sondern auch zumeinem Geschmacke, einem boshaften Gesclnnackevielleicht? Nichts mehr zu schreiben, womit nicht jedeArt Mensch, dieEile hat, zur Verzweiflung gebrachtwird. Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welchevon ihrem Verehrer vor Allem Eins heischt, bei Seitegehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden, alseine Goldschmiedekunst und -kennerschaft des Wortes 1 ,die lauter feine vorsichtige Arbeit abzuthun hat und Nichtserreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damitaber ist sie heute nöthiger als je, gerade dadurch ziehtsie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einemZeitalter derArbeit, will sagen: der Hast, der unan-ständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit Allemgleichfertig werden will, auch mit jedem alten undneuen Buche: sie selbst wird nicht so leicht irgendwomit fertig, sie lehrt gut lesen, das heisst langsam, tief,rück- und vorsichtig, mit LIintergedanken, mit offen ge-lassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen ...Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur voll-kommene Leser und Philologen: lernt mich gut lesen!

Ruta bei Genua,

im Herbst des Jahres 1886.