206
20 8.
(Vgl. Fröhliche Wissenschaft, Aph. no.)
Der gute Gedanke ist nur eine Ausnahme, diemeisten originellen Gedanken sind Narrheiten. Die ge-wohnten Gedanken sind deshalb so hochgeachtet, jazur Pflicht gemacht, weil sie eine Art Bewährunghaben, mit ihnen ist der Mensch nicht zu Grunde ge-gangen. Das „nicht zu Grunde gehen“ gilt als der Be-weis für die Wahrheit eines Gedankens. Wahrheit heisst:„für die Existenz des Menschen zweckmässig“.Da wir aber die Existenzbedingungen des Menschen sehrungenau kennen, so ist, streng genommen, auch die Ent-scheidung über wahr und unwahr nur auf den Erfolgzu gründen. Woran ich zu Grunde gehe, das ist fürmich nicht wahr, das heisst: es ist eine falsche Relationmeines Wesens zu andern Dingen. Denn es giebt nurindividuelle Wahrheiten, — eine absolute Relation ist Un-sinn. Die Art zu denken, die Anspannung und Häufig-keit, die Gegenstände, womit, das Nichtsehen-können,Nichtfühlen vieler Dinge, alles ist eigentlich eine Be-dingung unserer Existenz. Jeder Fehler ist ihr schädlich.Meistens also machen wir Fehler, meistens sind wir fort-während irgendwo krank durch unser Denken, wir könnenja nur experimentiren, und das ganz individuell uns Noth-wendige im Erkennen ist die Ausnahme.
209.
(Vgl. Wahrheit und Lüge, Bd. X S. 16X ff.; Menschliches, Allzijjnensch-liches I, Aph. 11, 16, 19; Fröhliche Wissenschaft, Aph. 246; Jenseits vonGut und Böse, Aph. 4, 34.)
Was ist also Erkenntniss? Ihre Voraussetzung isteine irrthümliche Beschränkung, als ob es eine Maass-einheit der Empfindung gebe; überall wo Spiegel und