5- Von Vorurtheilen der Erkenntniss.
(Vgl. Menschliches, Allzumenschlickes I, erstes Hauptstück; Morgenröthe,Aph. 114—130; Fröhliche Wissenschaft, Aph. 108—115; die Wiederkunftdes Gleichen, erstes Buch, Bd. XII S. 7 ff.; Jenseits von Gut und Böse,erstes Hauptstück.)
206.
(Vgl. über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, Bd. X S. 161 ff.)
Das Problem der Wahrhaftigkeit hat noch niemanderfasst. Das, was gegen die Lüge gesagt wird, sindNaivetäten eines Schulmeisters, und zumal das Gebot:„du sollst nicht lügen!“
207.
Sobald die Schulweisheit es sich träumen lässt, giebtes ein Ding mehr zwischen Himmel und Erde; wennaber eine Wahrheit erkannt ist, so nimmt die Zahl solcherDinge ab, und eine Anzahl angeblicher Sterne löschtaus. Freilich nicht etwa sogleich! — sondern wie man vonSternen spricht, deren Lichtstrahlen uns erst erreichen,nachdem sie längst schon zerfallen sind, so strahlen dieIrrthümer noch lange ihren Glanz fort, nachdem sie wider-legt sind. Denkt man an die Kürze des Menschen-lebens, so reicht auch wohl ein Irrthum aus, um dasLeben vieler Geschlechter ganz in Licht zu tauchen;wenn endlich sein Glanz verbleicht und stirbt, so sindsie längst dahin und haben die äusserste Bitterkeit, diees giebt, nicht erfahren: den Stern erlöschen zu sehen.