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innerung an eine Schuld nicht mehr quält, dann wirktder durch sie eingeübte innere Mechanismus viel leichter,und es giebt kein Hinderniss mehr für ein neues Ab-spielen des alten Liedes. Daher fromme ehebrecherischeFrauen unter den Katholiken keine Seltenheit sind,welche täglich sündigen und sich täglich absolvirenlassen.
102 .
Das Bedürfniss, sich über alle Sachen auszusprechen,die ihn quälten, liess Gott dem Christen immer gegen-wärtig erscheinen. Für die gröberen, phantasieärmerenNaturen schuf die Kirche seinen Vertreter, den Beicht-vater. Warum will man sich aussprechen? Weil eineLust dabei ist, eine Vergewaltigung des andern, dem wirunser Leid zu hören, mitzuempfinden, mitzutragen geben.— Gott als Sündenbock muss auch Beichtvater sein.
103.
(Vgl. Schopenhauer als Erzieher, I. Abschnitt; Morgenröthe, Aph. 322.)
Wenn . wir überall, wo der Christ sich seinen Gottwirkend denkt, den Zufall an die Stelle Gottes setzen,so bekommt man einen Überblick, wie sehr der Christin der Summe seines Handelns die Welt entgeistet unddem Zufall wieder preisgiebt (zum Beispiel, wenn er inKrankheiten den Arzt ablehnt). Die Religionen haben dasReich des Zufalls verlängert, das heisst dem Geisteseine Zeit und Kraft beschränkt. — So lange wir moralischhandeln, lassen wir den Zufall, dass wir in diesem Landegeboren sind und diese Menschen um uns haben, zumGesetz über uns werden und entziehen uns dem Geiste,welcher nur das individuelle Beste sucht.