Der Charakter scheint also eine über unser Trieb-leben ausgegossene Vorstellung zu sein, unter der alleÄusserungen jenes Trieblebens an’s Licht treten. DieseVorstellung ist der Schein und jenes die Wahrheit: jenesdas Ewige, der Schein das Vergängliche. Der Willedas Allgemeine, die Vorstellung das Differenzirende. DerCharakter ist eine typische Vorstellung des Ureinen, diewir dagegen nur als Vielheit von Äusserungen kennenlernen.
Jene UrVorstellung, die den Charakter ausmacht,ist nun auch die Mutter aller moralischen Phänomene.Und jede zeitweilige Aufhebung des Charakters (imKunstgenuss, in der Improvisation) ist eine Veränderungdes moralischen Charakters. Es ist die mit der Vor-stellung, dem Scheine verknüpfte Welt des Besten,aus der das moralische Phänomen entsteht. Die Schein-welt der Vorstellung geht ja auf Welterlösung und Welt-vollendung hinaus. Diese Weltvollendung würde liegenin der Vernichtung des Urschmerzes und Urwider-spruchs, das heisst der Vernichtung des Wesens derDinge und in dem alleinigen Scheine: also im Nichtsein.
Alles Gute entsteht aus zeitweiligem Versenktseinin die Vorstellung, das heisst aus dem Eins werden mitdem Scheine.
g. Kunst und Religion.
Hat die Kunst eine metaphysische Bedeutung,so kommt das Publicum des Kunstwerks nur soweit inBetracht, als das Kunstwerk zur Geburt des Genius reizt.
Die Kunstperiode ist eine Fortsetzung der mythen-und religion bildenden Periode. Es ist ein Quell, ausdem Kunst und Religion fliesst.