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Zum zehnten Buche, zur zweiten Abtheilung'.
Zum zweiten Abschnitte.
S. 464.
Die Auffassung des Textes nach Sinn und Situation muss derHauptsache nach allerdings dem geistigen Standpunkte, der allge-meinen Vorbildung eines Jeden und der besondern Stimmung undIntention in der Zeit des Schaffens überlassen bleiben. Indess istder Verf. durch wiederkehrende Erfahrungen im lebendigen Unter-richte darauf hingewiesen worden, dass wenigstens für einen Theilder Kunstjünger ein Wink, wie sie sich ihres Textes zu bemächti-gen haben, willkommen sein möchte. Er hat diese Beobachtungen zumTheil an talentvollen und gebildeten Schülern gesammelt, denen mandurchaus nicht den Beruf und das Recht absprechen kann, sich inunsrer Kunst einheimisch zu machen. Wer die nachfolgenden An-deutungen für sich unnöthig findet, möge von den Andern nicht zuungünstig urtheilen; es würde gar leicht sein, ganze Reihen alstalentvoll anerkannter Musiker zu nennen, die in der Wahl undAuffassung der Texte Mängel in ihrer Vorbereitung zum Schadenihres Werks haben blicken lassen. Dem Lehrer ist diese Angele-genheit auch noch aus einem zweiten Grunde wichtig. Er muss beidem Studium der Gesangkomposition die Wahl und Zurechtstellungdes Textes dem Schüler überlassen und kann diesem für einen Theilder Aufgaben (Rezitativ und polyphonen Chor) keine reichhaltigereQuelle nachweisen, als die Bibel, die gleichwohl unsern Zeitgenos-sen nicht so vertraulich nahe steht, wie denen eines Bach und sei-ner Vorgänger. Da wird auch er, wie der Verf., erfahren, dassmancher selbst der begabtem Schüler befremdet und kalt dem un-vertrauten Bibelworte gegenübersteht und ohne Hülfe in seinen Fort-schritten stockt.
Jeder Text ist uns zunächst ein Fremdes; als solches könnenwir ihn höchstens musikalisch aussprechen im Rezitativ, und auchdas nur kalt und ungenügend. Er muss erst unser Eigen werden,sich unser Gemülh öffnen und dasselbe aus ihm ein Werk schaffenkönnen. Einige Texte nun bieten in ihrem unmittelbaren Inhalt un-serm Gemüth so treffende und weckende Beziehungen , dass sie un-mittelbar zum schöpferischen Moment werden. Bei andern ist einHinzuthun, Hiuzudichten nöthig; und daraus folgt keineswegs, dass