Druckschrift 
4 (1851)
Entstehung
Seite
514
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- S14 -

matischen mit denen des natürlichen Waldhorn’s ver-gleichen. Andererseits ist nicht zu leugnen, dass wir selbst vor-treffliche Virtuosen auf dem chromatischen Waldhorne, wie z. B.Schunke, besitzen, die sich vor dem Missbrauche der Ventile be-wahrt und den Karakter des Instruments möglichst festgehaltenhaben.

Wir haben Herrn Vivier sowohl im Konzert des Frl. Cristianials privatim öfter gehört und sind erstaunt über die technische Voll-endung, die er entwickelt, und über seinen edlen meisterhaftenVortrag der Kanlilene und über die Fülle und Schönheit seinesTons, ln dem angeführten Konzerte thcilte das vorurtheilsloscPublikum unsre Ansicht und ward von seinen Leistungen, die nurin dem Vorträge eines einfachen Liedes (Lob der Thränen) bestan-den, zur feurigsten Begeisterung hingerissen und er hatte hier nurProben von seinem Vortrage, seinem Tone und seiner Kunst desmehrstimmigen Blasens abgelegt. Wie wird das Publikum staunen,wenn es hören wird, was wir gehört haben und das berechtigt unszu dem Ausspruche, dass er der erste Künstler seines Faches ist.Um ein vollkommenes Bild von Vivier und seiner Eigentümlichkeithinzustellen, verweisen wir auf das, was wir bereits über die Fülleund Schönheit seines Tons, über seinen hohen Kunstgeschmack imVortrag der Kantilene gesagt haben und gehn nun an eine Unter-suchung dessen, was in seinem Spiele sich als besonders eigen-tümlich hervortut.

Er hält sein Instrument beim Spielen frei, möglichst vom Kör-per entfernt und so hoch, wie der gute Anstand es zulässt. Hier-durch bleibt die Vibration des Schallstücks ungehemmt und dasInstrument vermag immer gehörig auszuschwingen. Das Stopfen derTöne bewirkt er nicht wie Andere, plötzlich und mit festliegenderHand, sondern nach und nach durch blosses Drehen derselben. Auchhierbei wird sorgfältig von ihm darauf geachtet, nie die Vibrationdes Schallbechers zu hemmen. Oft breitet er nur die Hand aus beiruhiger Stellung im Schallbecher und bläst durch künstliches Oeff-nen und Schliessen der Lippen Tonleitern, steigend und fallend inder schnellsten Bewegung. Am bewundernswertesten scheint unssein Portamento und sein Piangendo, die oft so vollkommen wer-den, wie die der menschlichen Stimme, oder die des Cello’s, derVioline u. s. w., auf welchen letzteren sie mit gleitender Hand er-zielt werden. Die allerschwierigsten Sachen in springenden wie lau-fenden Figuren führt er mit einer Keckheit und Energie aus, dieuns in das grösste Erstaunen versetzt. Arpeggio’s durch zwei Ok-taven und noch darüber hinaus hörten wir mit einer solchen Voll-endung von ihm ausführen, als sei sein Waldhorn ein Violoncell.