Druckschrift 
4 (1851)
Entstehung
Seite
491
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höchste Verehrung, die wir dem Meister dank- und lieberfüllt zol-len, darf indess nicht die Selbständigkeit eignen Urtheils ver-kümmern, dürfte dies nicht, selbst wenn wir nichtin dem beet-hovenschen Werke selbst unsre Ansicht bestätigt und bestärkt fän-den, wie allerdings der Fall ist.

Denn: wie hat nun der Meister die Orgel benutzt? Werfenwir nur einige flüchtige Blicke in seine Partitur.

Da findet sich erstens auch nicht eine einzige Stelle, inder die Orgel zu einer selbständigen obligaten Wirksamkeit be-nutzt wäre, während jedes Orchesterihsfrument zu seiner Zeit aufdas tiefsinnigste und wirkungsvollste hervortritt. Die Orgel ist nurbegleitend.

Zweitens ist selbst die Begleitung der Orgel sehr einge-schränkt. Sie giebt z. B. bei dem ersten Eintritt (S. 2 der Parti-tur) den vollen Akkord an und schweigt dann (sensa Organo ,der neben diesen Worten fortlaufende Orgelbass scheint nur für denNolhfall gesetzt) bis zu dem Eintritte des Chors, dessen dreimali-gen Anruf Kyrie sie mit drei vollen Akkorden begleitet; späterwerden einzelne Sätze generalbassmässig, andre so wie die Zwi-schensätze zwischen jenen Anrufen blos mit dem Orgelbass begleitetoder geleitet; in dem bewegt und polyphon geschriebnen Christeeleison finden wir nur den Orgelbass im Einklang mit dem Basse desOrchesters. Zu dem feurig erregten Gloria geht die Orgel langeZeit nur in Oktaven mit dem Basse des Orchesters, dazwischen hatsie einfache Generalbassbegleitung, bei dem pax horninibus schweigtsie, in dem fugirten in gloria dei begleitet sie mehr oder wenigervollständig die Chorslimmen. Und dies bleibt der Wirkungskreisder Orgel durch das ganze Werk; wo sie nicht schweigt oderblos den Bass zu unterstützen hat, wird sie generalbassmässig oderdoch nur zur Verdopplung der Chorstimmen (und dies nur aus-nahmsweise) gebraucht.

Das ist nicht die Weise Beethovens, dessen Instrumentalebesonders in den letzten Werken durch und durch beseelt, bisin das ärmste Instrument hinein individualisirt, zu eigentümlicherBedeutung eines jeden Organs durchgeistet ist. Die Orgel steht inBeethovens Partitur, aber sie war nicht in seinen Schöpfungsmo-menten mitgegenwärtig und ist nicht von seiner Schöpferkraft mit-ergriffen und mitbeseelt worden. Er hat sie zugesetzt, entwe-der blos in der abstrakten Vorstellung, dass seine heilige Messeauch von dem vorzugsweise kirchlichen Organon mitgefeiert werdensolle, oder gar nur durch die äusserliche Rücksicht auf unvoll-kommne Orcheslerbesetzung, um den zu weiten Raum der Kirchewürdig zu füllen; in diesem Falle war es also nur eine vorge-