475
Rondo zweiter Form vor uns; es ist aber schon oben unstatthaftbefunden worden, einen Theil dieses Textes gleichsam als Neben-sache zurückzusetzen. Daher wird zuerst der Hauptsatz, dann aberauch (wenigstens dem wichtigem Inhalte nach, — der Anfang istgeändert) der Seitensatz, natürlich im Hauptton, wiederholt. Esist also hier Sonalen-, oder genauer gesprochen Sonatinenform zurAnwendung gekommen.
Die Arien, die wir bis hierher besprochen, sind auf eine ein-zige der uns schon bekannten Formen beschränkt. In der Liedform,Rondo- und Sonatenform Hess sich ihr ganzer Inhalt vollständigfassen. Die Verlheilung des Textes unter Haupt- und Seitenpartiefolgte durchaus der wesentlichen Gliederung seines Inhalts, keines-wegs etwa dem blossen äusserlichen Längenmaass der verschiednenVerse oder Abschnitte; in der S. 472 betrachteten Arie z. B. nimmtder Hauptsatz einen, und der Gang oder die Seitenpartie nimmtsechs Vei'se ein. Es ist in Bezug auf das äusserliche Maass nurdas Eine zu wünschen, dass der Text im Ganzen oder einer ein-zelnen Partie nicht zu kurz sei, um ohne überhäufte Wiederho-lung oder übertriebne Dehnung der Worte Stoff genug für die Aus-führung des musikalischen Gedanken zu geben, — und nicht zulang, um nicht den Komponisten zur Dehnung der Musik zu zwin-gen. Allein so wohlbegründet das eine und andre Begehr ist, solässt sich doch etwas Genaueres, z. B. ein bestimmtes Maass fürjede Form oder jeden Theil unmöglich fcstsetzen, weil es in jedemeinzelnen Fall auf den Inhalt ankommt und auf die Möglichkeit ihnzu dehnen oder zu drängen, ihn ganz oder theilweis zu wiederho-len oder leicht und kurz zusainmenzufasseu.
Dieselben Grundsätze bestimmen nun auch die grossem Arien-bildungen, deren im Wesentlichen zwei zu unterscheiden sind, näm-lich zunächst die
4. Arie zusammengesetzter Form.
Wir betrachten sie an einem aus Mozarts Idomeneus ent-lehnten Beispiele zuerst. Idomeneus, der durch ein übereiltes Ge-lübde sich gedrängt sieht, den eignen Sohn zu opfern, tritt mit die-ser Arie
A.Ein klagender Schatten
Wird mich umschweben,
Zu jeder StundeWerd’ ich erbebenVor seiuem Blick.
15.Mit blut’gcr Wunde,
Mit blassem AntlitzWird er mich mahnenAn mein Verbrechen,
An sein Geschick.