Druckschrift 
4 (1851)
Entstehung
Seite
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lein, dem wohltemperirten Klavier) vergegenwärtigen, um ganz klarzu erkennen, wie sprechend diese Züge seiner Orgelkomposition fürden Karakter des Instruments und für seine Erkenntniss desselbenzeugen.

B. Massenkraß, und, Polyphonie.

So gewiss wir (Th. I. S. 248) die Melodie als eigent-liches Lebenselement aller Musik erkannt haben, so gewissmüssen wir anerkennen, dass die Orgel weniger geeignet ist zu leben-diger Darstellung derselben, als irgend ein Blas- oder Saiteninstru-ment, selbst als Harfe und Klavier. Denn es fehlt ihr nicht nur, wieden letztgenannten, die Verschmelzung und wahre Bindung der Töne,sondern auch innerhalb ein und derselben, von einem einzigenRegister oder Registervereinigung vorzutragenden Stimme derWechsel von forte und piano und damit (S. 24) das eigentliche Mittelrhythmischer Betonung. In jenem Wechsel aber liegt der nächsteAusdruck stärkerer oder verminderter Erregtheit und Theilnahme, inder Betonung die allgemeine verständige Würdigung und Ordnungdes Inhalts; eine Stimme, die Beides nicht vernehmen lässt, mussleblos erscheinen.

Nicht also in der Kraft der Melodie oder, genauer zu reden,einer einzelnen Melodie kann die Orgel ihre eigenthümlicbe Aufgabelinden. Und dieser Mangel entspricht sogar ihrem Wesen und ihrerBestimmung. Denn die einzelne Melodie, das ist eine einzelne Stimme,also der Ausdruck eines einzelnen Wesens, einer Subjektivi-tät; wie Ich fühle, Ich mich freue oder betrübe u. s. w., das alleinspricht sich in meiner Stimme oder Melodie aus. Die Orgel aber hates gar nicht mit der Subjektivität, mit diesem oder jenem Einzel-nen zu thun, sie hat der Gemeine Aller, oder der Alle in sich fas-senden Kirche ihre Stimme zu leihen.

Hierzu bietet sie sich aber in zwiefacher Weise als mächtig-stes Organ. Massenkraft, weite erschütternde oder feierlichstille und volle Akkorde, ist die eine ihrer Mächtigkeiten, Poly-phonie die andre. Die erstere kann nur einzelnen Momenten einesgrossem Kunstwerks zuzuertheilen sein, die letztere ist die wahreRedeweise der Orgel. Denn sie entspricht der umfassenden kirch-lichen Bestimmung des Instruments eben sowohl, als seinem Ver-mögen , Stimme gegen Stimme zu führen , eine Stimme oder einzelneTöne der einen gegen die andre festzuhalten und mit Hülfe der ver-schiednen Klaviaturen oder im Gegensätze des Pedals gegen das Ma-nual zwei oder drei Stimmen selbst durch Klang- und Schallver-schiedenheit von einander zu scheiden. Durch den Gegensatz der Ma-nuale ist sogar die Möglichkeit gegeben , Stimmen von verschiednerKlangweise einander ohne Verwirrung, mit klarer Wirkung kreuzen