Druckschrift 
1 (1838) Manessische Sammlung aus der Pariser Urschrift, nach G. W. Haßmanns Vergleichung
Entstehung
Seite
XXXVI
Einzelbild herunterladen
 

XXXVl

Nur Minneleiche haben Botenlaube, Heinrich von Sax, Gutenburg, Wintersteten, Gliers,Turn, Taler, Lichtenstein gedichtet. Lanhuser hat auch meist solche, aber abenteuerlich hängter von seinen Reisen und Erfahrungen allerlei Züge der Erdkunde, Geschichte und Sage, zunrLheil spaßhaft, wie ein Quodlibet, zusammen, und gebraucht diese Weise auch zum Lobliedeiner Reihe von Fürsten. Ernster ist wieder der Leich Rugge's (Nachlese II) mit der Mah-nung zur Kreuzfahrt. Kurz, es scheint auch in solchen geschichtlichen und sagenhaften Leichen,noch ein Ueberbleibsel der ursprünglichen Bestimmung dieser altern freien Dicht-, Sang-undTanz-Weise (in inniger Verbindung) zu Helden- und Abenteuergesängen, wie bekanntlich nochdie Nibelungenlieder auf den Färöern gesungen und zugleich getanzt werden, und wie die Brit-tanischen Lay's, die ältesten Romanzen von Rittern und Feen (die Gottfried Leiche nennt),gesungen wurden; beide freilich nach einfacher wiederkehrender Weise, wie auch mehrere der zuletztgedachten Leiche (von Gutenburg, Gliers, Tanhuser) sich meist in solchen gleichen Stanzenoder Sätzen bewegen (und durchgängig die Lay's im Altfranzösi'schen Prosa-Tristan, welchenbei Gottfried auch Leiche entsprechen.) Die scheinbare Ungleichheit solcher wiederkehrenden Sätze,z. B. durch männliche und weibliche Reime an gleicher Stelle (bei Gutenburg, Wintersteten,Turn u. a.), wird durch das Ueberschleifen derselben zu Jnreimen oder Einschnittreimen (beidenen auch —gilt), ausgeglichen: auf ähnliche Weise, wie auch sonst häufig nachweiblichen Reimen die Auftakte fehlen, die nach männlichen eintreten. Ebenso sind die manchmalhier (z. B. bei Lanhuser) gebrochen erscheinenden Reime zu beurtheilen. Einer der ältestenLeiche, ein Marienleich, ist seguentia überschrieben, steht in Schweizer Kirchenbüchern in Muriund Engelberg, und diente auch wohl zum Kirchengebrauche, eben wie die Lateinischen seguen-1i36) dergleichen zuerst der St. Galler Abt Notker (st. 912) verfaßte und setzte, und die,auf das Aleluja folgend, in freien rhythmischen Versarten sich bewegten (daher auch xrosasgenannt wurden), dann aber, weil sie so sehr entarteten, im Trienter Concilio (zu Köln schon1536) meist abgeschafft wurden, und nur zu Ostern, Pfingsten, Frohnleichnam und Aller-seelen-Messe blieben, also noch bei hohen fröhlichen Festen. Dieser Marienleich, sehr ähnlichdem einzigen Marien-Lay (HIV) des Königs Lhibaud von Navarra, besteht nun auchaus lauter ungleichen, in den Reimzeilen sehr verschiedenen, und ungenau gereimten Sätzen:das ist dieselbe Form, welche, nur kunstreicher ausgebildet und rein gereimt, in den Marien-leichen von Walther, Reimar, Winli und Hermann Damen, erscheint, mit einzelm zerstreutwiederkehrenden gleichen Sätzen; eigenthümlich bei Hartmann (Nachlese H) in Sätzen von kurzen,den erzählenden Reimpaaren gleichen Zeilen mit zwei überschlagenden männlichen und weiblichenReimen, welche je von 16 maliger bis zu einmaliger Wiederholung herabsteigen: zunächst sehrähnlich einem Altfranzösischen Tristan-Leich vom Geißblattes. Allgemeiner ist bei den übrigen

*) Bd. III., 579. Die Sätze 4. 5. 6, wo auch männliche und weibliche Rcimzeilen wechseln, sind