- 597 -
eintreten, im Umfange des ganzen Orchesters nur acht- bis neun-mal. Dann aber würde man eine so weit ausgebreitete Stimm-masse vor sich haben, dass sie schwerlich zu lenken, gewiss nichtzu einem künstlerisch organisirlen und wirksamen Satze zu ver-einigen wäre. Dass die Schwierigkeit hei umfangreichem Thematenwächst, dass da eine regelmässige Durchführung ohne Wiederholungnoch eher ihre Gränzen finden muss, ist' klar.
Wir überzeugen uns hiermit, dass ausgebreilete Vielstimmig-keit in der Fuge uns nicht neue Kräfte, soudern vielmehr Zwangund Beschränkung, Unvollkommenheiten aller Art zu Wege bringt.Der Erfolg hat dies oft genug bestätigt. Es ist unter andern eineachtslimmige Fuge von Sarti bekannt; aber sie ist ein troeknesund innerlich dürftiges Machwerk. Fasch hat in seiner seehs-zehnslimmigen Messe eine sechszehustimmige Fuge unternommen.Aber seiu Thema hat gering und der Arbeit unwerth sein müssen,seine sechszehn Eintritte innerhalb der ersten Durchführung mitden unvermeidlichen Wiederholungen des Themas auf schon ge-brauchten Tonstufen sind am Ende nur zählbar, nicht wirksam,nicht Neues bringend und fördernd, seine Gegenharmonie dannweder sechszehnstimmig, noch überhaupt gehaltreich und innerlichlebendig geworden.
Dies ist der Grund, warum Händel in seinem grossartigenmeist doppelchörig (achtslimmig) geschriebenen Oratorium Israel inAegypten die Fugen (sie gehören zu seinen vorzüglichsten) nurvierstimmig setzt, warum Bach seine achtstimmigen Motetten:„Singet dem Herrn ein neues Lied,“ und: „Der Geist hilft unsrerSchwachheit auf,“ — Meisterstücke im vielstimmigen Satze — dochnur mit vierstimmigen Fugen schliesst. Im ersten Satze der erst-genannten Motette führt er einen Satz fugenmässig durch unterBeibehaltung der Aehtstimmigkeit. Aber die Fuge ist doch nurvierstimmig. Nämlich der erste Chor trägt die erste Durchführungmit der Gegenharmonie vor, während der zweite Chor einen ausdem Vorangehenden genommenen, gar nicht zur Fuge gehörigenSatz dazu giebt. Schon bei dem Eintritte der vierten Stimme, dieauf den Bass des ersten Chors fällt, verbindet sich der Bass deszweiten Chors mit jenem im Einklänge; so thut nachher der Tenordes zweiten mit dem des ersten Chors; dann der Alt, und in die-sen Sätzen kann denn natürlich der Gegensatz (jenen fremden Satzdazu gerechnet) nicht mehr als fünf- oder sechsslimmig sein. —Das Nähere in der Lehre von begleiteten Fugen.
Es liesEen sich wohl Wege für acht- oder mehrstimmige Fu-gen finden. Zunächst, wenn man sich Stimmeintritte nicht blosauf Tonika und Dominante, soudern auch auf andern Stufen ge-statten wollte. Dann, wenn man die erste Durchführung und den