IX
werden! Solche Blümchen bringt jeder warme Frühlingshauch wie-der; und wenn es nicht wäre, wenn ein Paar vorzeitige Blüthenunsre ganze Habe ausmachen: nun, dann war’ eben nichts damitverloren, dann wäre Komposition gar nicht unser Beruf. Die Kraftzum Lebensberufe muss das Leben mit all seinen Mühen, Störun-gen und Verlockungen hindurch ausbalten; wir wollen uns ja nichtMusiker nennen, wenn einige Monde sie schwächen könnten.
Und wir, die wir der ewigen Kunst uns weihen, werden nichtmit dem Tage geizen, nicht Bedenken tragen, ein Paar Jahr’ anunsre volle Kräftigung zu setzen, wenn wir erst wissen, dass wirnicht als unreife Schwächlinge an das Werk treten und es voll-führeu können. Der Eichbaum astet sich durch Jahrhunderte em-por, während unter ihm eine Grasschicht auf die andre welkt undvergeht. Wir kommen auch nimmer zu spät, wenn wir nur mitKraft und Zeit redlich haushalten. Bach und Händel und Gluckkamen im spätem Mannesalter an ihre höhern Schöpfungen, Haydnwar als sechzig- und siebzigjähriger Greis jung genug, alle Reizedes Naturlebeus und die junge Zärtlichkeit seines Hannchens undLukas zu singen.
Aber das kann feurige, ehrgeizige Jugend einen Augenblicklang stutzig machen, dass neben ihrem strengen Bemühn hier unddort Kunstgenossen ohn’ alle Beschwer und Rüstung Erfolge, Lohnund Ruhm die Fülle erbeuten. Ja, ich kann es nicht leugnen,dass zu jenen Erfolgen, die französische und welsche Tonsetzernicht blos in ihrem Lande, sondern auch auf unsrer Bühne ge-wonnen haben, dass zu jenen oft so beliebt gewordnen und ausge-breiteten Virtuosenkompositionen die strenge Vorarbeit, die ich fo-dere, nicht erfoderlicb, dass sie vielleicht sogar hinderlich ist. Dennwer erst sie vollführt, sich an ihr rüstig und von Eifer glühendhat werden lassen, dem möchte der Leichtsinn mangeln, der jenenTagausbeutern statt der Begeistrung hilft, dem möchte das stolzeGefühl von der Hoheit der Kunst nicht gestatten, dem Frohudiensteiuer hiu und her taumelnden Menge sich hinzugeben.
Wir Andern nun, die im eignen Geiste, genährt an den Wer-ken dfer grossen Vorfahren, eine höhere Idee von der Tonkunst im