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In Werken der freien Kunst ist es Sache des schaffendenKünstlers, seiner innern Erweckung und seiner tiefem Er-kenntniss : das Rechte zu ergreifen. Für Ersteres kann die Lehrenicht unmittelbar wirken, jene tiefere Erkenntniss aber ist nichtGegenstand der Kompositionslehre, sondern wird anderwärts zu er-streben sein; das Leben in der Kunst und ihren Werken unddie Wissenschaft der Musik sind ihre Quellen.
Allein die Behandlung eines Chorals ist kein Werk der freienKunst, denn sie geht nicht aus dem freien Geiste des Künstlershervor. Die Hauptsache, die Melodie, ist gegeben — und bedingt'alles Uebrige, die Theile des Ganzen, Rhythmus und Harmonie,mehr oder weniger. Man kann also in solcher Aufgabe nur aus-sprechen , wozu der Cantus firmus Gelegenheit und Anlass bietet :nicht den vollen Sinn des Liedes, sondern den Sinn, wie und wie-weit der Cantus firmus ihn gefasst hat und zu enthüllen gestaltet.
So macht sich nun für alle.Choräle, als kirchliche Gemei-nelieder, ein allgemeiner Karakter kirchlicher Erbauung’, einfacherchristlich gefasster Frömmigkeit kenntlich, eine einfache, stetigeaber innerlich kraftvolle Harmonie, eine geradsinnige Stimmführung,eine von Trägheit und Ueberreizung gleich weit entfernte Rhyth-misirung, eine würdige und fromme Erhabenheit geltend. Hiernächstaber muss unser Trachten sein, in jedem einzelnen Choralden innern Sinn zu fühlen, den Zug zu fassen, der aus der Me-lodie heraus die Modulation und zuletzt jede einzelne Stimme lenkt.Dieser Zug wird nicht durch Umhergreifen in allen möglichen Har-monien erhascht, sondern auf dem Wege stetiger Harmonie-entfaltung erkannt und ergriffen. Man frage nur fleissig dieMelodie, was ihr zunächst Noth thut, welche Harmonie sie zu-nächst verlangt; und von dem zunächst Ergriffenen bewege mansich stetig aber rastlos weiter, nie ohne Grund verweilend oder aufDagewesenes zurückkehrend, aber auch nie das Nähere ohne Grundübergehend, etwa um Fremdes oder Neues, vermeintlich Originelleszu bringen. Das Fremde, Unerwartete aufzugreifen, ist schwach,Sache des Dilettanten; das wahrhaft Eigenthümliche ist, wasder Sache, dem Zweck ganz eigen angehört. Auf diesem Wegewird dann auch aus Melodie und Modulation sich der rechte Zugder Stimmen ergeben.
Nur so weit zu gehen, nur dem allgemeinen Karakter jedesChorals nachzutrachten rathen wir dem Schüler, bis er vollereHerrschaft und tieferes Bewusstsein über seine Kunst erworben hatund mit sichern Erfolge streben mag, auch dem besondern Sinndieser oder jener Textstelle, oder zuletzt dem ganzen Text in allenMomenten zu genügen, soweit es Form und Mittel des Chorals