Druckschrift 
1 (1852)
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

10

7 . jlnlage des hemenden.

Da wir oben (3) die Kompositionslehre nicht blos fiir künftigeKoraponisten, sondern fiir jedeu nach lieferer Bildung Strebendenals unerlassliches Studium bezeichnet haben, so l'ragt sich: welcheAnlage sie fodre, wèr von ilirem Studium Frucht zu erwarlenbabe? Durchaus jeder, dem umfassendere und tiel'ereKenntniss der Tonkunst am Her zen liegt, und der Lustund Empfanglichkeit fiir die Kunst und s o viel Sinn fiir siein sich tragt, als jeder Ausiibende (Sanger oder Spieler)nötliig hat.

Kann nun jeder, der diese Eigenschaften milbringt, durch dieKompositionslehre zu musikalischen Iionipositionen befahigtwerden? Diese Frage lasst sich nicht unbedingt bcantworten.Gewiss kann jeder des Denkens und musikalischer Vorslellun-gen fiihige Mensch durch Studium der Komposition in den Standgeselzt werden, alle musikalischen Formen, Tonsliicke aller Arthervorzubringen; schon dies wird ihm gewandtere Einsicht in dieWerke der Kunst erlheilen. Allerdings erfodert aber das höchsteVollbringen Genius, wahrhaft scböplerische Kraft; und auchdas nicht geniale, aber belebte und belebende Bilden gelingt nurderjenigen Nalurkraft., die wir Talent nennen*). Wem derGenius inwohnt, -der weiss es in der rechten Stunde und in rech-ter Weise. Niemand darf es ihm dann sagen, oder kann es ihmabslreiten. Das erste Zeichen von Talent ist vor allein Tri ebzur Sache. Das Talent hat aber vielfache Abslufungen und mehrals eine Seite; es kann mehr oder weniger, nach mehrern Seilenund sehr hoch ausgebildet werden und dann zu gliicklichen undwichligen Erfolgen fiihren. Wie gross aber, und welcher Aus-bildung und Steigerung es fahig sei, kann Niemand vorauslieslim-men, weder der, dem es inwohnt, noch ein Anderer; es mussversucht, enlvvickelt und bewiibrt werden. Unleugbar spiegelt unsEilelkeit, oder vorübergebendes Gelust oft ein Talent bedeu-tender vor, als es ist. Aber abgeseben von diesen Tauschungen,die vor dem liefern Bewusslsein in uns nicht Stieh halLen, kannman allgemcin und sicher behaupten: jedem, der Trieb zurSache hat, wohnt starkeres Talent bei, alserselbstweiss und glaubt; oder vielmehr: jedes Talent ist ein erhöbcrn Ausbildung und Kraftigung fahig, als vorausge-

*) Herzlicb wünsche icb von Jiinglingen , die Komposition zu ilirem Le-bensberiife wiihlen (und von ihren Ellern oder Vorgesetzten), dass sie wolilabwiigen, was icb über diese WabI in der allgeineinen Musikleliregesagt babe.