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wenn wir auch nicht zu sagen wagen, dass es ihm nichtentspricht: das wäre nämlich eine dogmatische Behaup-tung und als solche ebenso unerweislich wie ihr Gegen-theil.
2.
Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer vonMetaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eineSumme von menschlichen Relationen, die, poetisch undrhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, unddie nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonischund verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen,von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Meta-phern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind,Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall,nicht mehr als Münze, in Betracht kommen.
Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zurWahrheit stammt: denn bis jetzt haben wir nur von derVerpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu existiren,stellt: wahrhaft zu sein, das heisst: die usuellen Metaphernzu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Ver-pflichtung, nach einer festen Convention zu lügen, heerden-weise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen.^ Nun vergisst freilich der Mensch, dass es so mit ihmj steht; er lügt also in der bezeichneten Weise unbewussti und nach hundertjähriger Gewöhnung — und kommt| eben durch diese Unbewusstheit, eben durch diesi Vergessen zum Gefühl der Wahrheit. An dem Gefühlverpflichtet zu sein, ein Ding als „roth“, ein anderes als„kalt“, ein drittes als „stumm“ zu bezeichnen, erwacht einemoralische auf Wahrheit sich beziehende Regung: ausdem Gegensatz des Lügners, dem niemand traut, denalle ausschliessen, demonstrirt sich der Mensch das Ehr-