1. Über Wahrheit und Lügeim aussermoralischen Sinne.
i.
Fragment der zusamenhängenden Abhandlung.
(Frühjahr 1873.)
„In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahl-losen Sonnensystemen flimmernd ausgegossnen Weltallsgab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere dasErkennen erfanden. Es war die hochmüthigste undverlogenste Minute der „Weltgeschichte“: aber doch nureine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur er-starrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben“.
So könnte jemand eine Fabel erfinden und würdedoch nicht genügend illustrirt haben, wie kläglich, wieschattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sichder menschliche Intellect innerhalb der Natur ausnimmt.Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn eswieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begebenhaben. Denn es giebt für jenen Intellect keine weitereMission, die über das Menschenleben hinausführte.Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer undErzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angelnder Welt sich in ihm drehten. Könnten wir uns aber
Nietzsche, Werke (II. Abtheilung) Band X. jj