nichts von der Kunst: er fasste sie nur von der prak-tischen und annehmlichen Seite auf, er gehörte zu denVerächtern der Tragödie.
Sokrates ist also Plebejer, er ist ungebildet und hatauch nie durch Autodidaktik den versäumten Jugend-unterricht nachgeholt. Er ist sodann specifisch hässlichund, wie er selbst gesagt hat, mit den heftigsten Leiden-schaften von der Natur begabt: platte Nase, dicke Lippen,hervorstehende Augen; seine Neigung zum Jähzorn be-richtet Aristoxenos. Er ist ein ethischer Autodidakt: einmoralischer Strom geht von ihm aus. Ungeheure Willens-kraft auf eine ethische Reform gerichtet. Das ist seineinziges Interesse. Das Merkwürdige ist aber dasMittel dieser ethischen Reform: diese selbst erstrebenja auch die Pythagoreer. Aber das Mittel, das Erkennen,zeichnet ihn aus. Das Erkennen als Weg zur Tugendunterscheidet seinen philosophischen Charakter: die Dia-lektik als der einzige Weg. Der Kampf gegen dieLust, die Begierde, den Zorn u. s. w. richtet sich gegeneine zu Grunde liegende Unwissenheit. Er ist der ersteLebensphilosoph, und alle von ihm ausgehenden Schulensind zunächst Lebensphilosophien. Ein vom Denkenbeherrschtes Leben! Das Denken dient dem Leben,während bei allen früheren Philosophen das Leben demDenken und Erkennen diente: das richtige Leben er-scheint hier als Zweck, das höchste richtige Erkennendort. So ist die sokratische Philosophie absolut prak-tisch: sie ist feindselig gegen alles nicht mit ethischenFolgen verknüpfte Erkennen. Sie ist für jedermannund populär: denn sie hält die Tugend für lehrbar. Sieappellirt nicht an den Genius und die höchsten Erkennt-nisskräfte. Bis dahin genügten die einfachen Sitten undreligiösen Vorschriften: die Philosophie der sieben Weisen