Aus dieser Intuition entnahm Heralclit zwei zu-sammenhängende Verneinungen, die erst durch die Ver-gleichung mit den Lehrsätzen seines Vorgängers in dashelle Licht gerückt werden. Einmal leugnete er dieZweiheit ganz diverser Welten, zu deren Annahme Anaxi-mander gedrängt worden war; er schied nicht mehr einephysische Welt von einer metaphysischen, ein Reich derbestimmten Qualitäten von einem Reich der undefinir-baren Unbestimmtheit ab. Jetzt, nach diesem erstenSchritte, konnte er auch nicht mehr von einer weit grösse-ren Kühnheit des Verneinens zurückgehalten werden: erleugnete überhaupt das Sein. Denn diese eine Welt, dieer übrig behielt — umschirmt von ewigen ungeschriebe-nen Gesetzen, auf- und niederfluthend im ehernen Schlagedes Rhythmus —, zeigt nirgends ein Verharren, eine Un-zerstörbarkeit, ein Bollwerk im Strome. Lauter als Anaxi-mander rief LIeraklit es aus: „Ich sehe nichts als Werden.Lasst euch nicht täuschen! In eurem kurzen Blick liegtes, nicht im Wesen der Dinge, wenn ihr irgendwo festesLand im Meere des Werdens und Vergehens zu sehenglaubt. Ihr gebraucht Namen der Dinge, als ob sie einestarre Dauer hätten: aber selbst der Strom, in den ihrzum zweiten Male steigt, ist nicht derselbe als bei demersten Male.“
Heraklit hat als sein königliches Besitzthum diehöchste Kraft der intuitiven Vorstellung; während ergegen die andre Vorstellungsart, die in Begriffen undlogischen Combinationen vollzogen wird, also gegen dieVernunft, sich kühl, unempfindlich, ja feindlich zeigt undein Vergnügen zu empfinden scheint, wenn er ihr miteiner intuitiv gewonnenen Wahrheit widersprechen kann:und dies thut er in Sätzen wie „Alles hat jederzeitdas Entgegengesetzte an sich“ so ungescheut, dass Ari-