VORWORT.
(Vermuthlich gegen Ende 1875.)
Bei fern stehenden Menschen genügt es uns, ihre Zielezu wissen, um sie im ganzen zu billigen oder zu ver-werfen. Bei näher stehenden urtheilen wir nach denMitteln, mit denen sie ihre Ziele fördern: oft missbilligenwir ihre Ziele, lieben sie aber wegen der Mittel und derArt ihres Wollens. Nun sind philosophische Systemenur für ihre Gründer ganz wahr: für alle späteren Philo-sophen gewöhnlich ein grosser Fehler, für die schwächerenKöpfe eine Summe von Fehlern und Wahrheiten, alshöchstes Ziel jedenfalls aber ein Irrthum, insofern ver-werflich. Deshalb missbilligen viele Menschen jeden Philo-sophen, weil sein Ziel nicht das ihre ist; es sind dieferner stehenden. Wer dagegen an grossen Menschenüberhaupt seine Freude hat, hat auch seine Freude ansolchen Systemen, seien sie auch ganz irrthümlich: siehaben doch einen Punkt an sich, der ganz unwiderleglichist, eine persönliche Stimmung, Farbe; man kann siebenutzen, um das Bild des Philosophen zu gewinnen:wie man vom Gewächs an einem Orte auf den Bodenschliessen kann. Diese Art, zu leben und die mensch-lichen Dinge anzusehn, ist jedenfalls einmal dagewesenund also möglich: das „System“ ist das Gewächs diesesBodens, oder wenigstens ein Theil dieses Systems — —
Nietzsche, Werke (II. Abtheilung) Band X. j