9^ Gwvamii Pierlnigi da Palestrina und die Gesammlansgabe seiner Werke. 97
Dieser dem Papste gewidmete Messenband brachte Pierlnigi,den wir von nun ab mit dem von ihm selbst gewählten NamenPalestrina bezeichnen werden, die Stelle als Sänger der Päpst-lichen Kapelle ein, er trat sie am 13. Januar 1555 an. ZweiMonate später, am 23. März, starb Julius III.; sein NachsolgerMarcellus II. überlebte ihn nur um 21 Tage. Der Tod desletzteren war sür Palestrina, der einen Band Istimmiger Ma-drigale sür ihn bestimmt hatte, ein großer Verlust, denn Marcelluswar ihm wohlgesinnt. Kaum aber hatte der strenge Paul IV. denpäpstlichen Thron bestiegen, als er Palestrina am 30. Juli mit nochzwei anderen Sängern, weil sie verheirathet und nicht geistlichwaren, aus dem Collegio stieß, da derartige Individuen im Diensteder Kirche nicht bleiben könnten. Alle drei waren auf Lebenszeitangestellt und hätten nur eines schweren Verbrechens wegen entferntwerden dürfen. Die rücksichtslose Entlassung aus dem Amte hattePalestrina eine schwere Erkrankung zugezogen. Die kärglich bemes-sene päpstliche Pension konnte ihn und seine Familie nicht ernähren;sein Weib Lucrezia hatte ihm nach Baini vier, nach neueren For-schungen drei Söhne geboren. Da nahm er noch in demselbenJahre die Stelle als Kapellmeister an S. Giovanni im Lateran an,eine Stelle, die er 6 Jahre lang getreulich verwaltete. Noth undSorgen stählten seine Arbeitskraft, denn unter den zahlreichen indiesen Zeitraum fallenden Kompositionen befinden sich einige seinerbedeutendsten Werke, so ein Band vierstimmiger Lamentationen desJeremias, ein Band Magnificat, das achtstimmige (Vux lläelis undvor Allem die Iinproxorin, Gesänge, worin der gekreuzigte Christusden Juden ihre Undankbarkeit vorwirft. Das Wort selbst stammtvom italienischen iinpropsrio, zu deutsch Vorwurf. „Mir scheintnach einmaligem Hören," schreibt Mendelssohn in den Reisebriefen,„es sei eine der schönsten Kompositionen Palestrina's — ein Akkordverschmilzt sich sanft in den andern; in der Kapelle herrscht diegrößte Stille." — Und an anderer Stelle: „Ich konnte mir wohlerklären, warum die Jmproperien auf Goethe den größten Eindruckgemacht haben, es ist wirklich fast das Vollkommenste, da Musik,Ceremonien, Alles im größten Einklang steht."
In der Gesammtausgabe bis jetzt noch nicht erschienen, liegenmir nur die beiden unvollständigen Berliner Ausgaben von Boteund Bock und von Schlesinger vor. Nach diesen theilt Palestrina