Z99
X.
E r b sü n d e.
^^urch das Wort: Erbsünde, versteht man eine Ma»ckel, welche alle Menschen mit sich auf die Welt beimgen, als die Folge des Verbrechens, das der erste Mensch,der Stammvater und das Haupt des menschlichen Geschlech,teS, begangen hatte; man versteht dadurch eine Herabsetzung,welche sie der Vorzüge beraubet hat, womit diemenschlicheNamr bey ihrer ersten Schöpfung begabet gewesen war.
Die Vernunft harre schon etwas von dem Lehrsätze derErbsünde dunkel eingesehen und gemuthmaßet; aber er ist erstdurch die Offenbarung recht bekannt geworden. Allein un,ter allen Lehrsätzen, welche die Offenbarung uns vorträgt, istkeiner, den die Ungläubigkeit weniger zulassen will, und dm ^sie mehr zu verschmähen scheint. Aber man darf sich darüber ^
nicht wundern. Es ist auch keiner, welcher den Hochmuchdes Menschen tiefer herabseht, welcher ihn seine Schwachheitund sein Elend besser empfinden läßt, und welcher ihm dieNolhrvendigkeit und die Pflicht lebhafter vorstellet, die er hat,sich der Religion zu unterwerfen, und alle Mittel zu brau,chen, welche die Religion ihm an die Hand beut, umseineLeidenschaften zu überwinden.
Damit wir diese wichtige Wahrheit mit Gründen best,stigen mögen, wollen wir zeigen: i. Daß man aus dem ge,genwärtigen Zustande des Menschen, wenn man ihn nachseiner Art zu denken und zu handeln untersuchet, schließenmüsse, er fty aus der Hand des Schöpfers nicht also gekom,men, wie wir ihn heut zu Tage sehen ; sondern die menschli,che Natur habe norhwendig ein Verderbniß leiden müssen.
2. Daß