Druckschrift 
3 (1896) 1879 - 1890
Entstehung
Seite
162
Einzelbild herunterladen
 

162 Die erste Session der VI. Legislatur-Periode des Reichstags

hatten und nnn mit reden wollten, ohne etwas zu bezahlen. Es erschien ihnen alsunerhörte Dreistigkeit, daß das deutsche Volk eine andre Meinung zu haben und ans-zusprechen wagt, als seine, von ihm selbst gewählten Vertreter; Windthorst be-zeichnte ein solches Beginnen geradezu und wörtlich als revolutionär; kurz, dieLehre vom beschränkten Unterthanenverstand feierte ihre Auferstehung, nur dies-mal ins Parlamentarische übersetzt. Daß die Herren unrecht hatten, ist ganzzweifellos.

Berlin, den 6. März 1885.

Am vergangenen Montag trat der Reichstag wieder zusammen. Die Wochefing gut an. An der Spitze der Tagesordnung stand die zweite Lesung überdie Forderung der Regierungen für die Gehälter von neuen Beamten in unfernafrikanischen Schutzgebieten, d. h. in Kamerun, Togo und Angra Peqnena, sowiefür die nötigsten Bauten in denselben. Die Forderung belief sich ans imganzen 248 000 Mark für das Etatsjahr 1885/86. Aber die Bedeutung derSache liegt nicht in der verhältnismäßig geringen Summe, sondern darin, daßdie Verwilligung oder die Versagung derselben eine folgenschwere Entscheidungdes Reichstags für oder gegen die Kolonialpolitik des Reiches enthalten mußte,vor Deutschland, vor dem futterneidischen England, vor aller Welt. Der Reichs-tag zeigte sich, mit großer Genugthuung darf ich das sagen, des großen Momenteswürdig. Von den Abgeordneten deutscher Nationalität gewannen nur die Sozial-demokraten, einige wenige Mitglieder des Centrums und derdeutschfreisinnige"vr. Bamberger es über sich, gegen die Forderung zu stimmen; mit ihnen gingendie Polen, getreu ihrem Prinzip, in allen Fragen von nationalem Beigeschmacksich als Fremdlinge im Reiche deutscher Nation zu gebärden. Mle übrigenstimmten zu. Nach allem, was seit Jahr und Tag vorgekommen ist, mußte esdem Patrioten zur größten Freude gereichen, aus dem Munde des Abgeordnetenvon Stauffenberg für die sogenannten Deutschfreisinnigen und des AbgeordnetenI)r. Windthorst für das Centrum die feierliche Versicherung zu hören, daß unserganzer Parteihader nur häuslicher Zwist unter Brüdern ist und daß wir alleeinig sind, sobald das Ausland es wagt, die Ehre und die Sicherheit des Vater-landes zu bedrohen. Es war nicht überflüssig, dies auszusprechen, schon in An-betracht der sehr unfreundlichen Haltung, welche neuerdings von EnglandDeutschland gegenüber eingenommen worden ist. Näheres erfuhren wir aus demMunde des Fürsten Bismarck. Er hielt eine hochbedeutsame Rede, welche anDeutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ und zweifelsohne jenseits des Kanalsverstanden werden wird. Insoweit das Verständnis unsrer englischen Vetternnoch der Nachhilfe bedürfen sollte, hat der Reichskanzler hierfür gesorgt, indemer unmittelbar nach dieser Reichstagsverhandlung seinen Sohn, den Grafen HerbertBismarck, gen London entsendet hat.

Der Gesamteindruck bleibt ungeschmälert, daß die überseeische Politik desReichskanzlers in der Volksvertretung Erfolge errungen hat, wie sie noch vorwenig Monaten von der Opposition für unmöglich gehalten worden sind.