unberechenbaren Schaden zufügen könne und für den fleißigen Arbeiter einelästige und schädliche Tyrannei sei, daß die Arbeit der Kinder (nämlich von12 bis zu 14 Jahren) und der Frauen nicht schlechthin entbehrlich sei und daßihr unbedingtes Verbot die arbeitende Klasse selbst schädigen würde — so sinddas nicht Lehrmeinungen irgend einer volkswirtschaftlichen Schule, sondern dieErgebnisse gereifter Erfahrung und umfassender Kenntnis der einschlagenden Ver-hältnisse. Im übrigen kündigte der Reichskanzler an, daß im Frühjahr, wahr-scheinlich im April, der Reichstag wieder zusammentreten und eine Vorlage überdie Unfallversicherung der Arbeiter erhalten wird. Die Vorlage soll auf derBasis der korporativen Verbände beruhen. Ohne korporative Unterlage mitBeitrittszwang sei das Unternehmen nicht ausführbar. Mit der früher in Aussichtgenommenen bureaukratischen Einrichtung (Reichs- oder Landesanstall) gehe esnicht, die Nummern der Centralbehörde würden zu massenhaft werden. ZurAufsicht der Betriebe seien die zu beaufsichtigenden Interessenten selbst herbeizu-ziehen, in Kombination mit dem Institut der Fabrikinspektoren. Staatliche Zu-schüsse würden nicht vermieden werden können, er schrecke davor nicht zurück.Er wolle die soziale Frage behandeln im Sinne des praktischen Christentums,damit könnten auch diejenigen zufrieden sein, welche Gesittung und Nächstenliebenur als „fossile" Überreste des Christentums ansehen. Er sei entmutigt durchdie Haltung der Arbeiter bei den Wahlen, doch werde er in seiner Fürsorge fürsie nicht Nachlassen. Auch bekundete er sein Beharren bei dem Projekt desTabakmonopols. Endlich that er der Altersversicherung der Arbeiter Erwähnung,jedoch mit dem Zusatz: „Das steht noch im weiten Felde!"
29. Januar 1882.
Daß das Gesetz über den Beitrag des Reichs zu den Kosten des Zoll-
anschlnsses von Hamburg mit 179 gegen 102 Stimmen zur Annahme gelangte,
ist ein Triumph für den Reichskanzler und gleich erfreulich vom Standpunkt derwirtschaftlichen Interessen wie der nationalen Politik.
Gelegentlich der dritten Beratung des Reichshaushaltes unternahm dieFortschrittspartei den angekündigten Sturm gegen den Reichskanzler beziehentlichdie preußische Regierung wegen des Allerhöchsten Erlasses vom 4. Januur 1882,betr. die Beteiligung der Beamten an den Wahlen'). Zwei Tage hindurch tobtedie Redeschlacht. Am ersten Tage mar der Reichskanzler selbst anwesend. Erkam vom Krankenbett und war noch krank. Aber an Kraft und Feuer gebraches ihn: wahrlich nicht. In löwenartigem Ansturm warf er alles über den Haufen,was ihm zu Leibe gehen wollte. Für den echten Monarchisten war es eine
Freude, aus solchem Munde das hohe Lied von der Würde und Gewalt des
Königtums in deutschen Landen zu hören, des Königtums, wie es bei uns vonRechts wegen und thatsächlich besteht. Er wies entrüstet die Verdächtigung vonsich, als ob er die Feigheit begangen habe oder begehen wolle, sich mit derPerson des Kaisers zu decken, während er umgekehrt diesen decken muß. Zurufe
y Abgedruckt findet sich dieser Erlaß im Reichsanzeiger vom 7. Januar 1882.