78 Die erste Session der V. Legislatur-Periode des Reichstags
Beim Beginn der Session faßte Bismarck die parlamentarische Lage wiefolgt auf: Durch die Wahl ist das Centrnm der Scheibe nach links verschoben.Das sezessionistisch- fortschrittliche Judentum mit seinem Gelde ist von großenMassen der Wähler mir vorgezogen worden, es ist jetzt der Mittelpunkt geworden.Unverstand und Undank regieren weite Kreise des Volkes. Die Wahlen habenbewiesen, daß der deutsche Philister noch lebt, daß der Köder der Phrase undLüge ihn noch verlockt. Er will nichts vom Schutze der nationalen Arbeit, nichtsvon der Unfall- und Altersversicherung der Arbeiter mit staatlicher Beihilfe wissen,er will keine Erleichterung der Steuerlast der Gemeinden in Schul- und Armen-sachen, er will wieder Zuschläge zur direkten Steuer. Sie können das haben,aber nicht von mir. Ob man sich darüber klar ist, ist gleichgültig. Ich mußeine zuverlässige Majorität zum Regieren haben, und ich finde sie nicht. Eswäre wohl mit einer Vereinigung der Klerikalen und der Konservativen gegangen,aber das Centrum ist bei den Wahlen überall gegen uns gewesen, und es istkein Verlaß aus sie. Alle Parteien schießen aus mich, betrachten mich als Kugel-fang. Alle Angriffe gelten zunächst meiner Person. Ich soll eine Reaktionwollen, ein Junker sein, der das Gesicht der alten feudalen Zeit zugewendethält. In jeder Weise bin ich angefeindet, verkleinert und verdächtigt worden,besonders aber nach dieser Richtung hin. Man hat den Leuten vorgespiegelt,daß mein Getreidezoll dem Arbeiter das Brot verteure, daß das Tabaksmonopolbewirken werde, daß das Pfund drei bis fünf Mark koste, man hat in ländlichenDistrikten die Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Junkerherrschaft wachgerufen und den Leuten gesagt, ich wolle dahin zurück. Die alten Jagdfrohnden,das jus priwao nootis sogar haben herhalten müssen, um den Emissären desFortschritts die Verhetzung zu erleichtern, und die Leichtgläubigkeit des Volkeshat den Unsinn für bare Münze hingenommen. So in Holstein, in Lauenburg,wo die dänischen Könige einem Zustand das Leben gefristet hatten, der dasreine Mittelalter war. Die Junker herrschten, hatten den Elesantenorden aufder Brust sitzen und aßen das Fett des Landes. Sie thaten nichts und konntennichts und hatten dafür Einnahmen bis zu zehntausend Thalern jährlich. Sieschrieben sich reichliche Sporteln gut .und legten schwere Lasten aus; die Leutein ihrem Bann, mußten das ungenießbare Bier trinken, das auf ihren Güterngebraut wurde, und kein Mensch konnte im Herzogtum Land erwerben, weil sienicht wollten, daß mehr als zweitausend Seelen auf der Quadratmeile lebten.An diese Mißregierung erinnert sich der kleine Mann noch, und damit wurdensie von den Aposteln des Fortschritts und der Sezession gefaßt und vor mirgewarnt, und doch bin ich's gerade, ich allein, der dem Kaiser geraten hat,diesen Zuständen trotz dem Widerstreben der Junkerpartei ein Ende zu machen.
Die solche und andre Wahllügen predigten, glauben aber selbst nicht daran.Sie hassen mich, weil ich ein Junker bin und kein Professor, weil ich seit zwanzigJahren Minister Lin und ihnen das zu lange gedauert hat. Ich bin als Junkergeboren, aber meine Politik war, so lange ich dem König als Minister diene,niemals reine Junkerpolitik. Ich bin auch nicht konservativ im Sinne der konser-