5» Die vierte Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
Weil ich mehrfach in Reden für den Reichskanzler eingetreten Lin, weil ichmich einiger Aufmerksamkeiten seitens des großen Staatsmannes zu erfreuen hatte— übrigens in sehr beschränktem Maße nnd durchaus nicht immer — ist mirvon einigen Seiten, allerdings solchen, auf deren politisches Urteil ich nicht zugroßes Gewicht legen zu müssen glaube, unterstellt worden, ich prozedierte ge-wissermaßen im Aufträge des Kanzlers. — Das ist thatsächlich nie der Fall ge-wesen. —
Indem ich nun wegen der meine Person betreffenden Einleitung um Ent-schuldigung bitte, muß ich die geschichtliche Entwickelung unsrer Vereinigung kurzanstreifen.
Niendorf, der doch gewiß in seinem Urteil scharf, bissig und vielleicht etwaszu rücksichtslos war nach allen Seiten hin, war stets und von vornherein derAnschauung, daß in dem Fürsten Bismarck die einzige Kraft zu finden sei, vonder die durch unsre Gesetzgebung, unser Steuersystem so schwer geschädigte land-wirtschaftliche Produktion Gerechtigkeit und Hilfe zu erwarten habe. — So ofteinzelne Männer in unsrer Vereinigung dazu drängten, so hat sich doch Niendorfnie dazu verstanden, den Reichskanzler anzugreifen. Was Niendorf vorher-gesehen, ist eingetreten. Fürst Bismarck ist der einzige Staatsmann, von dem wir,nach meiner Auffassung, etwas zu erwarten haben. — Aus dieser meiner Über-zeugung mache ich durchaus kein Hehl. Deshalb braucht man aber seine Selbst-ständigkeit, seine Überzeugung doch nicht aufzuopfern.
Es ist nun meines Erachtens ein Gebot praktischer Politik, wenn man esversucht, einen großen, einflußreichen Staatsmann mit allen rechtlichen und ehr-lichen Mitteln auf seine Seite zu ziehen, was wohl im vorliegenden Falle zu-nächst dadurch zu erreichen ist, daß man seine Wirtschaftspolitik, die ja mitunfern Bestrebungen im wesentlichen konform ist, energisch unterstützt. Es istnach dieser Richtung meines Erachtens unserseits nicht immer mit Geschick pro-zediert worden.
Es ist ferner bekannt, welch' eine große Rolle Personenfragen bei dein Reichs-kanzler spielen. Ich will diese feine Eigenart durchaus nicht unbedingt in Schutznehmen — glaube aber, daß Charaktere von der Kraft und der Initiative diesesMannes auch stärker empfinden als die meisten andern Menschen. —
Die letzten Auseinandersetzungen mit dem Finanzminister Camphausen imHerrenhause haben — von den absolut verwerflichen, persönlichen Verdächtigungender Äraartikel will ich ganz absehen — nun doch vollends bewiesen, wie unrechtman gethan hat, von einer Ära Delbrück-Camphausen zu sprechen, welcher derReichskanzler zuzurechneu sei. — Die durch die Äraartikel hervorgerufenenÄußerungen des Reichskanzlers über die „Kreuzzeitung" waren, wenn auch zu heftigund weitgehend, jedenfalls entschuldbar.
Die Deklaration in der „Kreuzzeitung", welcher auch Ew. p. p. beitraten, warbekanntlich eine Konsequenz der Äußerungen des Reichskanzlers. — Die Zeitund die letzten Ereignisse haben auch nach dieser Richtung hin klärend gewirkt.Es hat eine große Anzahl von Deklaranten, namentlich in den letzten zwei Jahren,