34 Die dritte Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
welche die Steuerlast vorwiegend zum Nachteil der ärmeren Klassen verschieben,darf die Reform der Reichssteuern erfolgen.
Mehr wie für jedes andre Land ist für Deutschland die kirchliche und reli-giöse Freiheit die Grundbedingung des inneren Friedens. Dieselbe muß aberdurch eine selbständige Staatsgesetzgebung verbürgt und geordnet sein. IhreDurchführung darf nicht von politischen Nebenzwecken abhängig gemacht werden.Die unveräußerlichen Staatsrechte müssen gewahrt, und die Schule darf nicht derkirchlichen Autorität untergeordnet werden.
Wir sind bereit, einer Einigung auf dieser Grundlage zuzustimmen. Füruns aber als Mitglieder der liberalen Partei werden unter allen Umständen dieseAnschauungen die leitenden sein."
Unter den 28 Abgeordneten, welche das Manifest der „neuen vereinigtenliberalen Gruppe" Unterzeichneten (Sezession), waren mehrere, die früher mitBismarck persönlichen Verkehr gepflogen hatten. Ich nenne in erster Linie denAbgeordneten Rickerth, welcher jahrelang die parlamentarischen Gesellschaften indem Hause Wilhelmstraße 76 besuchte, bis zu Ende der siebziger Jahre die Er-kaltung zwischen diesem und dem linken Flügel der nationalliberalen Partei, demRickert angehörte, eintrat. Bei diesen parlamentarischen Abenden unterhielt sich derKanzler wiederholt mit Rickert, auch über schwebende Fragen, worüber sich derKanzler zu informieren wünschte. Eigentliche Eröffnungen hat aber der Kanzlerdiesem Abgeordneten niemals gemacht; er trug demselben von Haus aus Miß-trauen entgegen, weil er dessen Freundschaft zu dem Minister Stosch kannte, vondem es hieß, daß er sich gerne an Bismarck's Stelle gesetzt hätte 2).
Geradezu gespannt wurde das Verhältnis, seitdem der Kaiser, wenn ich nichtirre in Danzig, von der Wahl Rickert's abgeraten hatte. Rickert behauptete, daßBismarck den Kaiser zu einer Manifestation gegen ihn veranlaßt habe, was derKanzler bestimmt in Abrede stellte^).
>) Rickert, Heinrich, geb. 1833; evangelisch. Früher unbesoldeter Stadtrat in Danzig;bei Einführung der Prov.-Ordnung 1876 zum Landesdirektor der Provinz Preußen in Königs-berg i. Pr. auf sechs Jahre gewählt, legte nach der Teilung der Provinz dieses Amt niederund kehrte nach Danzig zurück. Mitglied des prcuß. Abgeordnetenhauses seit 1870, des Reichs-tags seit 1874. , 1887 gewühlt in Oldenburg 2 und Potsdam 8, 1890 in Danzig 3 und Pots-dam 8. Deutsch-freisinnig.
2) Die „Nord. Allg. Ztg." eninahm einmal an leitender Stelle dem „Rhein- n. Naheboten"einen die Kandidatur zum Reichstag in Bingen-Alzeh betreffenden Brief des Abgeordneten vr. vonSchauß, in welchem es u. A. hieß: Damals (1879) habe ich den Abgeordneten Rickert nichteinmal sondern wiederholt äußern hören, nun müsse ernstlich an die Entfernung des Reichs-kanzlers aus seinem Amte gedacht werden. Den Nachfolger hatte Rickert schon in der Tasche,dieser war der frühere Minister von Stosch; der innerste Grund dieser Aktion war damals dieHoffnung, daß die preußischen Ostseeprovinzen und die östlichen Häfen Memel und Danzig ingrößere Protektion genommen würden.
3) Im Januar 1881 bemerkle der Abgeordnete Rickert auf dem sezessiouistischen Parteitagder Provinz Sachsen in Halle a. S.: „Fürst Bismarck ist so lange liberal gewesen, als dieMehrheit der Volksvertretung es mar; er ist Rückschrittler geworden, seitdem das Volk nachden Attentaten aus den Kaiser mißverständlich konservativ gewählt hat". Die Symptome dieses