28 Die dritte Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
den Freikonservativen. In speziellen Vertrauens- und Personalfragen stimmenwir allerdings nicht mit ihnen, sondern häufig mit dem rechten Centrum, so beider gestrigen Tabaksfrage und bei Samoa. Im letzteren Falle war uns aus-schlaggebend, daß in einer Frage der äußeren Politik wir den Reichskanzler nichtim Stiche lassen wollten. In der Tabakmonopolfrage wollten wir uns nichtbinden und keinen aggressiven Stoß gegen den Kanzler führen. In beiden Fragenunterlag er gleichwohl. Die Zahl seiner Gegner vermehrt sich überhaupt. DasCentrum stimmt neuerdings beharrlich gegen ihn.
Stuttgart, 8. Mai 1880. Samstag.
Nach den Zeitungsberichten und einem Brief Römer's ist in Berlin zunächstFrieden mit dem Reichskanzler geschloffen; er läßt sich demnächstigen Schluß desReichstags und Vertagung seiner Steuerprojekte gefallen und machte bei der amDienstag abgehaltenen Soiree den Liebenswürdigen. Nur gegen Hamburg tobtder Sturm fort.
Stuttgart, 19. Mai 1880.
Am 8. Mai 1880 hielt Bismarck aus Veranlassung des Delbrück'schen Antragszur Elbschiffahrtsakte im Reichstag seine Staub aufwerfeude Rede, am Montagmachte sich der Reichstag schlüssig und wies bei der dritten Lesung den Gegen-stand unmittelbar vor dem Schluffe an die Kommission zurück. Der Beschlußhatte den Sinn des non lignost und wenn ich in Berlin gewesen wäre, hätteich auch für diesen ursprünglich Bennigsen'schen Antrag gestimmt.
Ich erfuhr aus Bundesratskreisen, Fürst Bismarck habe bei seiner Anwesenheitin den Bundesrats-Ausschüssen die Äußerung gethan, die Mittelstaaten (BayernsGesandter stellte sich im Kampf um die Freihafenprivilegien Hamburgs auf dieSeite dieser Hansestadt) sollten au den 14. Juni 1866 denken. Die gleicheÄußerung habe der Sohn Bismarck's gesprächsweise zu dem Abgeordneten Römergethan.
Römer erzählt, Gras Wilhelm Bismarck habe ihm während der Sitzung er-klärt, sein Vater sei entschieden gegen den Antrag Bennigsen, er ziehe ein einfachesJa oder Nein vor. Nach seiner Erzählung verkehrt Fürst Bismarck auch mitSchauß, und Römer behauptet (wohl mit einiger Übertreibung), unsre Grupperesp. Schauß habe den Kanzler bestimmt, zu der Dienstagssoiree einzuladen.Letzterer habe am Montag darüber zn Schaliß gesagt, er wisse gar nicht, woherer so schnell gutes Essen herbekommen solle, worauf Schauß erwidert habe, guteWorte seien den Abgeordneten lieber als gutes Essen. Mir wird bei diesem Ver-kehr der Gruppe und dieser Intimität mit Bismarck schwül zu Mute.
Rorschach, 22. August 1880.
In den Zeitungen, die ich hier nicht regelmäßig lese (auch eine Erholung),finde ich die Nachricht, daß demnächst der linke Flügel der Nationalliberalen miteiner Erklärung austreten und eine besondere Gruppe zwischen Fortschritt undNationalliberalen bilden werde. Da gilt es nun Stellung zu nehmen, vorerstaber abzuwarten. Indessen wird es notwendig werden, in einer Wähler-