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1 (1894) Die Tischgespraeche des Reichskanzlers
Entstehung
Seite
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I. Session des Norddeutschen Bundes und des Zollparlamcnts 186!) 17

Grasen, trotz der großen Mäßignng seiner Reden, immer am Klang der Stimmeseine augenblicklichen Empfindungen heraus. Und niemals direkter und unmittel-barer als an solchen Abenden! Jetzt tritt er an unfern Kreis heran.

„Ich habe die Herren gern einmal bei mir sehen wollen. Man kann sichda so viel leichter sprechen und verstehen, als im Reichstag." Dabei gab erreihum die Hand. „Und außerdem, wenn Sie das Bedürfnis empfinden, michoder einen Bnndesrat oder Regiernngskommiffär zu interpellieren, so macht sichdas hier meist in fünf Minuten in einer Ecke ab."

Der Graf hatte Recht. Niemals noch in dem Maße wie in dieser Reichs-tagssession hatte sich die Notwendigkeit vertraulicher Verständigung heransgestellt.Denn aus Anlaß des Twesten-Münster'schen Antrags auf verantwortliche Bnndes-minister waren die schreiendsten Dissonanzen zwischen Bundesregierung und Reichs-tag im Anzug gewesen, lediglich aus dem Grunde, rveil jede Partei die Absichtder andern nicht verstand. Bismarck war ärgerlich, rveil er annahm, man wolleihn durch die Zugabe des Herrn von der Heydt und seiner Kollegen „ab-meiern", der Bnndesrat, rveil man durch das Verlangen nach einem Bnndes-ministerium den Partiknlarismns wider die Wolle streichelte, der Reichstag, weiler „auch gar nichts mehr kriegen" sollte. Und schließlich, nach fünfstündigerheißer Redeschlacht, erklärte Bismarck unter anhaltender Heiterkeit des Hauses,er und Lasker seien ganz einer Meinung; sie hätten das leider nur bis dahinnicht gewußt.

Der Gras wurde heute sofort beim Wort genommen. D/irch die Reihender Räte und Abgeordneten drängte sich mühsam die umfangreiche Gestalt destapferen „roten Becker", so rot an Haar wie an Gesinnung,H aber ein lebendigerBeweis dafür, daß auch der geborene Demokrat und Agitator es zu einem höchstanständigen Leibesumfang bringen kann. Becker hatte sich heute im Reichstagselbst übertrosfen. Er, der ständige Referent des Abgeordnetenhauses und desReichstags über Post-, Telegraphen- und Eisenbahnsachen, hatte den unglaublichenMißbrauch drastisch geschildert, der seitens der deutschen Fürstenhäuser mit derPaketporto- und Telegraphengebührensreiheit getrieben wird. Er hatte geschildert,wie der ganze fürstliche Küchenzettel vom Koch telegraphisch gebührenfrei requiriertwird; wie endlose telegraphische Kleiderbestellungen zwischen den deutschen Höfenund Paris kostenfrei hin- und hergehen; wie der Bürgersmann, von dessenDepesche vielleicht Gut und Leben abhängt, warten muß, bis der fürstliche Kochfür einen Thaler Petersilie durch den Telegraphen bestellt hat; wie dann all'die umfangreichen bestellten Pakete portofrei an den Ort ihrer Bestimmung ver-sandt werden müssen. Un d schlie ßli ch hatte erLur.großen Erheiter ung des Hausesans, dem genealogischen Kalender nachgewiesen, daß in Lippe allein sechzig Drinzenund Prinzessinnen mit angeborener Portofreiheit existieren.

Jetzt pflanzte er sich "vor dem Bundeskanzler auf, wie gewöhnlich die Händeaus dem Rücken zusammengelegt, und sah ihn mit einem Gesicht an, auf dem

y Als derselbe 1862 in das Abgeordnetenhaus eintrat, wurde er mit wahrem Schreckenangesehen. Wir treffen ihn später als Bürgermeister von Dortmund.