Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
163
Einzelbild herunterladen
 

163

XXXII. Vom Begriffe der Erhabenheit.

Man könnte sich vielleicht wundern, wenn in einem zwei-bändigen Werke über Aesthetik, worin so viel von Schönheit ge-sprochen worden, nicht auch dem Begriffe der Erhabenheit einigeAufmerksamkeit geschenkt würde; also holen wir das bisher indieser Hinsicht Versäumte nach.

In der That pflegt nächst der Kategorie der Schönheit die Ka-tegorie der Erhabenheit als der wichtigste Begriff der Aesthetikbehandelt und so zu sagen als Nebenbuhler jener Kategorie in derHerrschaft über das ästhetische Gebiet betrachtet zu werden.Burke schrieb eine besondere Schrift »Philosophische Untersuchungüber den Ursprung unserer Begriffe vom Schönen und Erhabenen«;Kant theilt seine ästhetischen Untersuchungen (in der Kritik derUrtheilskraft) in eine Analytik des Schönen und des Erhabenen;und überall hat sich der ästhetische Tiefsinn eine Aufgabe darausgemacht, mit dem einen auch dem andern Begriffe sowie dem Ver-hältnisse beider auf den Grund zu gehen.

Nicht minder freilich als über die Schönheit sind die Ansichtender Aesthetiker über die Erhabenheit sehr auseinandergegangen,wie aus folgender, nichts weniger als vollständigen, Begistrirungderselben erhellt. Noch grösser würde die Mannichfaltigkeit derAnsichten erscheinen, wenn sie in die Details verfolgt werden sollte,indess ich hier blos auf Hauptpuncte und damit zugleich Haupt-gegensätze der Ansichten achten werde.

Nach Carriöre, Herbart, Herder, Hermann, Kirch-mann, Siebeck, Thiersch, Unger, Zeising ist das Erhabenenur eine besondere Art oderModification desSchönen, wobeijedochdie Weise, wie sich das Erhabene dem Schönen unterordnet, vonden verschiedenen Autoren zum Theil sehr verschieden gefasst wird.Hiegegen stehen sich nach Burke, Kant, Solger Erhabenheit undSchönheit einander ausschliessend gegenüber, so dass dasErhabeneniemals schön, das Schöne niemals erhaben sein kann, oder dassdoch beide durch ihr Zusammensein sich gegenseitig schwächen,wobei wiederum von den Verschiedenen verschiedene Gesichts-puncte des Gegensatzes aufgestellt werden. Nach Weisse ist dieErhabenheit nicht sowohl eine besondere Art der Schönheit, alsdass sie einen Bestandbegriff der Schönheit selbst bildet, so dass