Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
133
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nicht den Nachtheilen, welche jede Verletzung der Naturwahrheitmit sich führt, wonach der natürliche Ausdruck überall vorzuziehenist, wo er möglich und mit gleicher Leichtigkeit für die Auffassungherzustellen ist.

Allgemein gesprochen leidet jeder symbolische Ausdruck, ab-gesehen von derGefahr der Verwechslung mit derSache des Symbolsselbst, an Schwäche des Eindrucks in Verhältniss zu gleich leichtauffassbaren natürlichen Ausdrucksweisen, und symbolische Dar-stellungen würden daher genz zu verbannen sein, wenn überallnatürliche dafür zu Gebote ständen, nicht ein verhältnissmässigschwacher Eindruck von etwas Starkem, was sonst gar nicht dar-gestellt werden könnte, noch stark und werthvoll sein könnte, undnicht das Schwache die Stärke dessen, womit es zusammenhängt,mehren hönnte.

Fr. Vischer*) hat einmal über das Ivaulbachsche Bild der ZerstörungJerusalems geäussert, es wäre »reiner ästhetisch, tief künstlerisch« gewesen,wenn die Scene der Erstürmung des Tempels so behandelt worden wäre, sogewaltig in Gestalten, Leidenschaften, Gruppen, Bewegung, Stimmung desGanzen, dass hieraus allein ohne Zutliat, von Propheten und Engeln, der Ein-druck eines grossen weltgeschichtlichen Actes, eines Weltgerichtes hervor-ginge.« Gewiss, nur fragt sich, wie eine solche Leistung ohne die symbolischeZuthat überhaupt möglich war. Man hätte eben nur die Erstürmung irgendeiner Stadt, aber nicht die weltgeschichtliche Bedeutung dieser Erstürmunggesehen. Nun wird man nicht in Abrede stellen können, dass dieses Bildmit seiner Symbolik mehr den Verstand beschäftigt, wie es auch mit demVerstände componirt ist, als einen »tiefen« einheitlichen ästhetischen Eindruckmacht. Aber die Art Bedeutsamkeit, auf die es bei ihm abgesehen war,konnte es doch blos durch Symbolik erlangen, und auch dem Verstände kannman eine Befriedigung durch glückliche Combination anschaulicher Mittelwohl gönnen, ohne freilich den Hauptzv'eck eines Kunstwerkes darin suchenzu können.

Die alten Aegypter stellten Götter mit Adler-, Löwen-, Stier-köpfen dar, um die Eigenschaften der Scharfsicht, Stärke, frucht-baren Kraft, dadurch zu symbolisiren. Uns scheint dieses abge-schmackt, mit Recht, weil uns natürlichere oder der natürlichensich mehr nähernde Ausdrucksweisen in der Bildung und demAusdruck des menschlichen Hauptes und feinere Züge dazu zu Ge-bote stehen und die Nachtheile der schroffen Verletzung der Natur-wahrheit für uns durch keinGegengewichtaufgewogen werden. Aber

*) Ltitzow, Zeitschr. 1863. S. 231.