Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
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Den nächstliegenden Grund davon kann man finden, wennman sieht, wie auf Gallerien Bilder, worin der durchschnittlich zufindende Schein des Reliefs weit überstiegen ist, vom grossen Pu-blicum bewundert werden. Ueber dem Kunststück, was der Malergemacht hat, vergessen sie nach dem Sinne des Kunstwerkes zusehen. Wir sind so gewohnt, den Mangel des Reliefs bei Gemäldenhinzunehmen, dass er uns nicht mehr stört, und wir allerdingsanfangen, seine Beschränkung zum Wesen der Malerei zu rechnen.Wenn ausnahmsweise einmal etwas mehr als das Gewöhnliche ge-leistet ist, tritt uns diess fremdartig entgegen, nimmt unsere Auf-merksamkeit in Anspruch, und das der Natur, der WirklichkeitEntsprechendere scheint uns aus der Natur der Malerei herauszu-treten. Könnte die Malerei überall das Relief vollkommen für denAugenschein wiedergeben, so würde dieser Nachlheil wegfallen;aber das kann sie nicht für unser Sehen mit zwei Augen, fürwechselnde Standpuncte und- Scenen von grösserer Tiefe. Nunwiderstrebt es uns weniger, überall nach einem bestimmten Prin-cipe von der Natur abgewicben zu sehen, als unter gewissen Be-dingungen eines Bildes ihr ganz entsprochen, unter andern davonabgewichen zu sehen. Die Regel, mit dem Schein des Reliefs inder Malerei nicht zu weit zu gehen, beruht also in letzter Instanzvielmehr auf einem Nichtkönnen, als Nichtsollen. Was sie durch-schnittlich nicht kann, soll sie auch ausnahmsweise nicht wollen.

4) Uebersetzungen ins Antike und Moderne.

Im Vorhof der Gallerie di Brera zu Mailand steht Kaiser Na-poleon als splitterfasernackter Heros, und auf unsrer EsplanadeKönig Friedrich August der Gerechte als Römischer Imperator.Niemand wird meinen, dass die liberalen Reden Marquis Posas imDon Kariös Sache der alten spanischen Zeit waren, dass der Bar-barenkönig Thoas in der Iphigenie recht eigentlich barbarisch fühltund handelt, ja dass eine Iphigenie der Heroenzeit so fein gefa-serte Empfindungen halte, als im Götheschen Drama.

Schade, dass man keinen allgemeinen Ausdruck für solcheFälle hat, wie ich sie hier in ein paar Beispielen vorgeführt habe.In Ermangelung eines andern Ausdrucks brauche ich »Uebersetzungins Antike oder Moderne« dafür. Was soll man zu solchen Ueber-setzungen sagen ?