gemeine zu berichtigen, wird er seines Zweckes verfehlen, wenner sich in seiner Darstellung vielmehr an die wissenschaftliche alsgeläufige Vorstellung hält, indem der Vorstellungswiderspruch,den er vermeiden soll, vielmehr dadurch entsteht. In der Thatkommen Conflicte der Art vor, und es wird Gelegenheit sein, hier-auf zurückzukommen.
Als der vorstehende Abschnitt schon zum Druck gegeben war, kam mirerst das kürzlich erschienene Schriftchen von Konrad Fiedler »Heber die Be-urtheilung von Werken der bildenden Kunst, Lpz. Hirzel 1 876«, zur Hand,was mir dadurch ein eigenthümiches Interesse erweckt hat, dass es so zusagen in jedem Puncte den, in diesem und so manchen früheren Abschnittenaufgestellten, Ansichten widerspricht. Nun rührt das Schriftchen von einem,nicht nur privatim in Kunstreisen sehr geschätzten und selbst die Kunstfödernden, Kunstfreunde und Kenner her, sondern ist auch, wie mir bekannt,von andern Kennern wie Künstlern in günstigster Weise aufgenommen wor-den, und hat eine uneingeschränkt rühmende Besprechung in der Augsh,alig. Zeit. 1876. Beil. Nr. 68 erfahren, ja wird darin als von fundamentalerBedeutung für die Kunstbetrachtung erklärt; begegnet sich auch wesentlichstmit den Ansichten jenes andern Kunstfreundes, deren ich oben gedachte: undgiebt mit all’ dem einen nicht uninteressanten Beitrag zur Charakteristik derjetzt herrschenden Kunstansichten. Also mögen wenigstens einige Vergleichs-puncte mit unsern eigenen Ansichten, worin sich der Gegensatz besondersgeltend macht, einfach aus dem Schriftchen hervorgehoben werden, da sicheine vollständige Analyse desselben hier nicht geben lässt.
Auch nach dem Verf. lassen sich die Abweichungen der Kunst von derNatur nur aus der Kunst selbst verstehen und beurtheilen: »Die Kunst istauf keinem andern Wege zu finden, als auf ihrem eigenen« (S. 37). Regeln,wonach die Leistungen der Künstler zu beurtheilen, sind überhaupt zumVoraus gar nicht zu geben. »Das Verständniss kann den Leistungen desKünstlers immer nur nach - niemals vorauseilen, und wenn nicht, welcheAufgabe ihm die künstlerische Tliätigkeit der Menschen in Zukunft nochsteilen wird.« Hienaeh fällt die ganz Auseinandersetzung von Vortheilen undNachtheilen der Abweichungen der Kunst von der Natur, auf die oben ein-gegangen ist, eben so wie nach der Ansicht des obigen Kunstfreundes, vonselbst weg; und wenn man nicht wird leugnen können, dass solche factischbestehen, und sich aus den angegebenen Gesichtepuncten verstehen lassen,so würde doch im Sinne des Verf. eine Rücksichtnahme darauf den Künstlerwie Beschauer und Beurtheiler vom rechten Wege der Leistung und Betrach-tung nur abführen. Der Künstler soll vielmehr rücksichtslos auf alle ihm zumVoraus zu gebenden Regeln im Drange einer inneren Nöthigung (S. 47—51)aus einer, ihn vor den Kunstlaien auszeichnenden, Anschauungsweise herausproduciren (S. 42. 50. 56), und der Kunstgeniessende nur in sofern denrechten Kunstgenuss haben, als er die Thätigkeit des Künstlers in sich zureproduciren vermag (S. 64). Das Eigenthümliche des Bewusstseins oderder Anschauung aber, aus welcher der Künstler producirt, bestehe darin,