Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
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der Vortheil der Naturwahrheit dort durch andre Vorzüge hierüberwogen wird. In der Pieta von R. ist der Christus-Leichnam dereines voll ausgewachsenen Mannes, welcher sein natürlichesGrössenverhältniss zur Madonna hat. In der Pieta von M. A. aberist der Leichnam der eines nicht recht vollwüchsigen Mannes, wel-cher gegen die Grösse der Madonna etwas zurücksteht, was natur-widrig ist. Aber mit dieser Naturwidrigkeit erkaufte sich M. A. denVortheil, den Leichnam auf den Schooss der Madonna legen zukönnen, die Madonna dadurch in das innigste Verhältniss zu ihmsetzen zu können, was an ihr erstes mütterliches Verhältniss zu ihmerinnert und gegentheils dem Leichnam über den Knien eine be-wegte Lage geben zu können, wogegen die starre Ausstreckung desChristus-Leichnams vor der R.'sehen Pieta sehr in Nachtheil steht.Es ist wie Fluss gegen Eis. Man findet in der That das Verhältnissin der Pieta von M. A. so schön, dass man über die dabei unter-laufende Naturwidrigkeit wegsieht, ohne dadurch gestört zu werden,wozu freilich zweies mit gehört, erstens dass die Verjüngung desChristus sehr massvoll gehalten ist, zweitens dass man in dieseridealen Sphäre überall gewöhnt ist, von den Foderungen anstrenge Naturwahrheit nachzulassen. Weder aber hätte der Chri-stus-Leichnam sehr viel kleiner sein dürfen, wenn sich nicht dieStörung entschieden geltend machen sollte, noch die verhältniss-mässige Grösse des Christus-Leichnams der R.'sehen Pieta habendürfen, um nicht der Madonna eine zu schwere Last aufzubürdenund das Nehmen des Leichnams auf den Schooss selbst wider-natürlich erscheinen zu lassen. Die Pieta von M. A. möchte ichüberhaupt reicher an Schönheit und diese Schönheit romantischernennen, als die der Rietschelschen Pieta, indess in dieser dieSchönheit so zu sagen in eine einfache Natürlichkeit, Würde undTiefe gekleidet ist, die auch ihren Werth hat. Wer aber kannsolche Werke überhaupt mit ein paar Worten erschöpfen wollen.

Schliesslich noch folgende Bemerkung. Es kann sein, dassdie allgemein geläufige Vorstellung derer, auf die ein Kunstwerkzu wirken hat, von der wissenschaftlichen, objectiv richtigeren,aber auch nur in wissenschaftlichem Zusammenhänge, auf Grundwissenschaftlicher Studien zur Geltung kommenden, Vorstellungdes dargestellten Gegenstandes abweicht. In sofern es nun derKünstler nicht für seine Aufgabe hält, noch als Künstler dafür zuhalten hat, die wissenschaftliche Vorstellung zu stützen, die