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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XXXII. Vorlesung.

großes Schwächegefühl ein. Die Kranke verlangte ins Bett; der Pulswurde ungemein klein und frequent, und es machten sich Ödemebemerkbar, die uns zu baldigem Abbrechen der Kur veranlaßten.Dennoch hatte die Kranke die Wirkungen derselben recht gut auf-gefaßt und bat öfters, man möge sie wieder magerer machen. BeiKindern mit beginnendem Kretinismus ist durch Darreichung vonThyreoidin Verschwinden aller Wachstumshindernisse und Krank-heitserscheinungen erzielt worden; hier müssen wir wohl annehmen,daß sich bei der langen Dauer des Leidens Veränderungen heraus-gebildet haben, die einer Rückbildung nicht mehr zugänglich sind*).

Der Kretinismus ist eine der wenigen Formen des Irreseins,bei denen wir uns mindestens ungefähr eine Vorstellung von demZusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung bilden können.Wir wissen, daß die Krankheit nur dann, aber auch sicher dannentsteht, wenn die Tätigkeit der Schilddrüse vernichtet ist. Da dieverderblichen Wirkungen dieser Schädigung durch Einführung toterSchilddrüsenmasse von Tieren aufgehoben werden, so kann die hierin Betracht kommende Tätigkeit der Schilddrüse nur darin bestehen,daß sie einen Stoff liefert, der für den geregelten Haushalt des Kör-pers durchaus notwendig ist. Ob wir dieses Stoffes unmittelbar fürden Aufbau und die Arbeit der Gewebe bedürfen, oder ob er andere,schädliche Stoffe zerstören muß, was wohl mehr Wahrscheinlichkeitfür sich hat, können wir hier dahingestellt sein lassen. Jedenfallshaben wir im Kretinismus wie im Myxödem ein Beispiel dafür, daßdie Vernichtung eines kleinen Körperbestandteils schwere Störungenim Gesamthaushalte und insbesondere auch Irresein hervorbringenkann. Gleichgültig ist es dabei, auf welchem Wege die Vernichtungder Drüse erfolgt, ob durch Ausschneiden, Tuberkulose, Syphilis,Geschwulstbildung, das endemische Gift des Kretinismus oder irgendeine andere Schädlichkeit. Ganz verschiedene äußere Ursachenkönnen also dasselbe Krankheitsbild erzeugen, indem sie dasselbeGlied in der Kette der Stoffwechselvorgänge vernichten und da-durch für den Körperhaushalt die gleichen, krankhaft verändertenBedingungen schaffen.

Unsere Kenntnis dieser Zusammenhänge stammt erst aus jüng-ster Zeit. Es ist daher denkbar, daß entsprechende Verhältnisse sich

') Die Kranke befindet sich seit 12 Jahren unverändert in der Klinik.