Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
356
Einzelbild herunterladen
 

356

XXXI. Vorlesung.

dann, was ihm in die Hände kam, warf auch wohl Gegenstände zumFenster hinaus. In seinen Aussagen war er unzuverlässig und lügen-haft. Da der Junge schließlich drohte, das Haus anzustecken, wurdeer in unsere Klinik gebracht.

Der Knabe ist, wie Sie sehen, für sein Alter klein, dürftig ge-nährt, macht etwa den Eindruck eines 8jährigen Kindes. SeinSchädel ist ungewöhnlich klein, asymmetrisch. Die Ohrläppchensind angewachsen, die Augen klein; sonst bietet er keine bemerkens-werten körperlichen Abweichungen dar. Über seinen Aufenthalts-ort ist er im klaren, weiß, wer ihn hergebracht hat, vermag dieNamen aller Kranken und Wärter zu nennen, mit denen er in Be-rührung gekommen ist, weiß sogar, in welchen Betten sie schlafen.Rechenaufgaben, soweit sie eingelernt sind, löst er ungemein schnellund auch richtig; das Zusammenzählen und namentlich das Ab-ziehen fällt ihm jedoch weit schwerer, als das Vervielfältigen. VonStädten, Flüssen, Ländern weiß er kaum etwas, kennt nicht die Haupt-stadt Badens oder Deutschlands. Ebensowenig hat er etwas vonder Schlacht bei Sedan gehört. Der Kaiser heißt Friedrich; inDeutschland regiert Bismarck. Von Handwerken vermag er nureinige wenige aufzuzählen, von Tieren ziemlich viele, ist abernicht dazu zu bringen, auch die in der Luft und im Wasser leben-den zu berücksichtigen. Die 10 Gebote kann er nicht sagen, hatsehr unklare und kümmerliche religiöse Vorstellungen. Sündeist, wenn man Brot verdirbt oder Vögel totschießt. Er weiß, daßman das nicht tun darf, vermag es aber nicht näher zu begründen.

Die Stimmung des Jungen ist heiter; er ist gern hier, hatnicht die mindeste Sehnsucht nach Hause, fragt nie nach seinenAngehörigen. Auch bei einem Besuche benahm er sich gänzlichteilnahmlos. Er hat sich schnell in die neuen Verhältnisse hin-eingefunden, verkehrt ohne Scheu mit den Erwachsenen, redetüberall vorlaut hinein, fürchtet sich nicht vor erregten Kranken,sondern lacht über sie, wird auch dadurch nicht gewitzigt, daßihn einige derselben zurechtweisen, bedrohen oder gar schlagen.Zu irgend anhaltender Tätigkeit ist er nicht zu bringen. Obgleicher ganz fließend liest, bleibt er nicht dabei, wenn man ihm be-stimmte Aufgaben stellt, hat sehr bald vergessen, was er sollte,treibt allerlei kindlichen Unfug. Zwingt man ihn, zu lesen, sovermag er hinterher ganze Sätze fast oder genau wörtlich wieder-