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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
353
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Imbecillität, Idiotie. 353

Gruß! Im Winter hab ich Holzsäg gespaltet; da hat sich gut Ar-beit geschafft.

Wie Sie sehen, ist der Kranke sehr ablenkbar in seinen Äuße-rungen, flickt alle möglichen Nebendinge ein. Sein Vorstellungs-schatz erweist sich dabei als recht dürftig; es sind immer wiederdieselben Gedanken und Wendungen, die er vorbringt. DieSchrift des Kranken ist groß, regelmäßig, leserlich und sorgfältig;er schreibt mit fester Hand und sehr langsam. Der Inhalt derSchriftstücke zeigt dieselben Eigentümlichkeiten wie seine sprach-lichen Äußerungen, fast völliges Fehlen der Satzbildung, Ab-schweifen des Gedankenganges, Einförmigkeit und Armseligkeitder Vorstellungen. Dagegen hat der Kranke aus eigenem Antriebeeine Menge von z. T. bunten Zeichnungen geliefert, die in kind-licher Darstellung Häuser, Weihnachtsbäume, Engel, Wagen undeine ganze Menge von Gegenständen des täglichen Lebens dar-stellen. Da sie meist in festen Formen wiederkehren und auffallendgut wiedergegeben sind, handelt es sich bei diesen Zeichnungenwohl um Wiederholungen eingeübter Vorlagen. Sie werden vonihm in ähnlich drolliger Weise erläutert wie andere vorgezeigteBilder.

Die Stufe, auf der im vorliegenden Falle die geistige Ent-wicklung stehen geblieben ist, haben wir wohl ein gutes Stücktiefer anzusetzen, als bei der vorigen Kranken, wenn auch im Vor-stellungsschatze selbst vielleicht der Unterschied kein allzugroßerist. Hier indessen sehen wir das Ergebnis einer langjährigen,mühevollen Erziehung vor uns, während jene Kranke nur sovielgeistige Mitgift in der Schule erhalten hat, wie sie unter den ge-wöhnlichen Verhältnissen aufzufassen vermochte. Dem entsprichtdie Tatsache, daß bei ihr die Spuren des Unterrichts sehr spärlichewaren, daß sie aber weit mehr Verständnis für ihre Lage besaß,als unser Kranker. Wir erkennen hier deutlich, daß sein Vorstellungs-schatz nur aus der unmittelbaren sinnlichen Anschauung gewonnenwurde, während alle weitere geistige Verarbeitung, insbesonderedie Bildung allgemeinerer Vorstellungen und Begriffe, fast gänzlichausgeblieben ist. Dazu gesellt sich noch ein Ballast rein gedächt-nismäßig erlernten Wissens, das sich bezeichnender Weise wesent-lich auf dem Gebiete der Bibelweisheit bewegt. Was aber dengeistigen Tiefstand hier am schärfsten kennzeichnet, ist die un-

Kraepelin, Einführung. 2. Aufl. 23