Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
349
Einzelbild herunterladen
 

Imbecillität, Idiotie.

349

bei der Kranken sofort die niedrige Stirn und der sehr kurzeSchädel auf. Der Gesichtsausdruck ist blöde, leer, der Gaumenauffallend steil gewölbt. Sonst sind keine erwähnenswerten Stö-rungen nachweisbar.

Sie werden nicht darüber im Zweifel sein, daß wir es hier miteinem einfachen geistigen Schwächezustande zu tun haben. DieKranke macht in ihrem geistigen und gemütlichen Verhalten denEindruck eines Kindes von höchstens 810 Jahren. Ihre Kennt-nisse stehen freilich noch erheblich tiefer, aber sie besitzt anderer-seits die Fähigkeit, sich in einfachen Verhältnissen weit besser zu-rechtzufinden, als man das nach der außerordentlichen Dürftigkeitihres Vorstellungsschatzes und der Schwäche ihres Urteils erwartensollte. Ihren geschlechtlichen Verfehlungen steht sie genau so gegen-über wie ein Kind seinen Unarten. Sie ist froh, wenn man ihr wiederverziehen hat, und besitzt durchaus kein Gefühl für die sittliche Be-deutung ihrer Aufführung. Sich irgend welche Sorgen und Gedan-ken über die Folgen ihrer Handlungen, über ihre Zukunft überhauptzu machen, liegt ihr vollständig fern. Lenksam und zutunlich wieein Kind, fügt sie sich darein, wie es gerade kommt. So läßt sichder Zustand im großen und ganzen am besten begreifen als ein Zu-rückbleiben der psychischen Persönlichkeit auf einer niederen Stufeder Entwicklung, als ein höherer Grad jener auch dem gesundenLeben leider nicht fremden Unzulänglichkeiten, die wir als Dumm-heit und Beschränktheit bezeichnen.

Was hier im Gegensätze zu den früher betrachteten Schwach-sinnsformen gänzlich fehlt, sind die Reste voraufgegangener Geistes-störungen, Wahnbildungen, Sinnestäuschungen, Verstimmungen,Absonderlichkeiten im Benehmen und Handeln. Nur dem Grade,nicht aber dem Wesen nach unterscheiden sich die geistigen, ge-mütlichen und Willensleistungen unserer Kranken von denen ein-fältiger Menschen, die wir noch der Gesundheitsbreite zurechnen.Namentlich aber fehlt hier auch der so wichtige Gegensatz zwischenKenntnissen und Fähigkeiten, den wir beim erworbenen Schwach-sinn immer angetroffen haben. Überall sahen wir die Kranken imLeben Schiffbruch erleiden, obgleich ihr Wissen oft noch ein rechtbedeutendes war. Hier dagegen erweist sich die Kranke den ge-wöhnlichen Anforderungen des täglichen Lebens leidlich gewachsen,während ihre geistige Ausbildung über die allernächst liegenden