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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XXIX. Vorlesung.

weiß gar nicht, wie er immer in solche unglückliche Sachen gerät;die Leute waren ihm feindselig;man bekommt sein Recht nicht. Erkönne doch dieStrafen nichtannehmen, wenn er unschuldig sei, aberseine Beschwerden würden zurückgewiesen, weil die falschen Zeu-gen immer alles anders angeben. Es wurde nicht richtig untersucht,die Zeugen nicht vereidigt.Wenn die Herren vom Gericht selberhingegangen wären, wäre es vielleicht anders geworden. Die vielenAnschuldigungen habe er gemacht, weil er kein Unrecht sehenkönne; bisweilen sei er auch leichtsinnig gewesen. Man müsse aberdoch den Leuten glauben können, wenn sie ihm vorher alles genauerzählt hätten; sonst könne man ja dem Pfarrer auf der Kanzel auchnicht mehr glauben; man müsse doch anzeigen, wenn man etwasUnrechtes erfahre. Treibt man ihn in die Enge, indem man ihm diehandgreifliche Unwahrheit einiger seiner Anzeigen vorhält, so seufzter;Wenn man doch nicht auf der Welt wär; wenn mich doch derHerrgott wegnehmen tätvon meinem Elend! Man könne ja glauben,was man wolle, und solle ihm nur lieber gleich den Kopf heruntermachen. Jetzt wünsche er nur noch, daß der GroßherzogseineSach prüfe; mit dessen Entscheidung wolle ersieh zufrieden geben.Geisteskrank sei er nicht, nur oft schwermütig und gedrückt. SeinHaus möchte er wieder haben und dann zu Fuß nach Rom und Palä-stina wandern. Wenn er sich darauf berufen habe, daß man ihnimmer als geisteskrank hinstelle, so verteidige man sich eben, sogut man könne.

Mit seiner Umgebung hat sich der Kranke bei uns nicht vielabgegeben, auch wenig aus eigenem Antriebe gesprochen oder ge-lesen; oft sah er stundenlang teilnahmlos zum Fenster hinaus.

Legt uns schon die schwere erbliche Belastung die Auffassungnahe, daß wir es hier mit einer krankhaften Persönlichkeit zu tunhaben, so wird sie zur Gewißheit angesichts der Urteilsschwäche,mit der unser Kranker die aussichtslosesten und unsinnigsten Streit-fälle verfolgt, angesichts seiner Unbelehrbarkeit, die durch keinenSchaden klug wird, und der leidenschaftlichen Hartnäckigkeit, mitder er seine eigenen Daseinsbedingungen untergräbt. Sein ganzesTun und Treiben erinnert auf den ersten Blick sehr an dasjenigeeines Querulanten. Wir finden bei ihm, der nie unrecht gehabt hatund kein Unrecht mit ansehen kann, die gleiche Selbstüberhebungund die gleiche Empfindlichkeit gegen die geringste Beeinträchtigung